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Full text of "Die Anfänge der Reformation und die Ketzerschulen Untersuchungen zur Geschichte der Waldenser beim beginn der Reformation"

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Die Anfänge 
der 

Reformation 




Ketzerschulen 



ROM - TH E • Li BRARY ■ O F 

- KON RAD * 3URDACH - 



Die Anfänge der Reformation 

und die 

Ketzerschulen. 



Untersuchungen zur Geschichte der Waldenser 
beim Beginn der Reformation. 



Von 

Ludwig Keller. 




Berlin 1897. 

It. Gaortners Verlagsbuchhandlung 
Hermann Heyfelder. 

SW. Schönebergeretnwsp 26. 



Y 



. - - - 



8URDACH 



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Vorwort. 



Die Entstehungsgeschichte der grossen religiösen Bewegung des 
1 6. Jahrhunderts, die die Entwicklung aller abendländischen Nationen 
tiefer als irgend ein anderes Ereignis der neueren Zeiten beeinflusst hat. 
bildet unstreitig eines der wichtigsten und interessantesten Probleme 
geschichtlicher Forschung. Wenn trotz der vielfachen Erörterungen, 
die diese Frage im Laufe der Zeit erfahren hat, diejenige Betrachtung 
des Ursprungs wie der geistigen Zusammenhänge noch heute im 
Wesentlichen die Herrschaft behauptet, welche von den Kirchen- 
Geschichtssehreihern der nachmals zum Siege gelangten Religions- 
parteien frühzeitig festgelegt wurde, so hängt dies zum Teil mit der 
Thatsache zusammen, dass diese Parteien au der Festhaltnng einer 
l>estiininten Überlieferung und Anschauungsweise ihrer Anhänger und 
Gläubigen ein sehr natürliches Interesse hatten. Enger, als viele 
glauben, sind iK'stimnitc geschichtliche Auffassungen über Vorgänge, 
die zur Begründung eines dogmatischen Systems führten, mit den 
Dogmen selbst verknüpft und wer die einen zu ändern versucht, kann 
sehr leicht die anderen erschüttern. 

Neben dieser schon im 1(5. Jahrhundert, zur Herrschaft gelang- 
ten, so zu sagen offiziellen Betrachtungsweise, hat es von jeher eine 
vielfach abweichende Anschauung gegeben, die weder der römisch- 
katholischen, noch der lutherischen Darstellungsweise dieser Vorgänge 
sich anschloss, die aber sowohl unter den Evangelischen wie in ge- 
wissen katholischen Kreisen manche Anhänger besessen hat, ohne 
dass sie hätte durchdringen können. 

Der Kernpunkt dieser Beschauungsweise ist der, dass auch 
innerhalb der evangelischen Welt ein ununterbrochener Entwicklungs- 
gang und eine geschichtliche Continuität von einer das IG. Jahr- 
hundert weit übersteigenden Dauer vorhanden ist, dass mithin keines- 
wegs, wie die Katholiken sagen, erst seit 1 ö 1 7 ein „unerhörter Abfall 



Ü302371 



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IV 

vom waliren Glauben" in der abendländischen Welt Platz gegriffen 
hat und ebensowenig erst mit Luther, wie »eine Anhänger meinen, 
das Licht des Evangeliums in die Welt gekommen ist. 

Wir haben in früheren Schriften versucht, diese Anschauung 
wissenschaftlich zu begründen und die vornehmsten geistigen Träger 
dieses Zusammenhangs, soweit sie organisiert waren, aufzuzeigen. Ks 
hat sich dalx.<i herausgestellt, dass diejenigen Religionsgemeinschaften, 
die die eigentlichen Träger waren, seit 1525 von den Vertretern der 
damals zur Herrschaft gelangenden lutherischen Kirch«' ebenso bekämpft 
worden sind, wie vor 1525 von der katholischen, obwohl zwischen den 
ursprünglichen Grundsätzen des evangelischen Glaubens, wie sie Luther 
bis etwa 1524 vertreten hat, und den Anschauungen jener älteren 
Evangelischen, eine nahe innere Verwandtschaft und ein enger ge- 
schichtlicher Zusammenhang vorhanden ist. 

Der Gang der Erörterung, die sich an unsere erwähnten Schriften 
anschloss, liess es nun wünschenswert erscheinen, neue Beläge und 
weitere Beweisgründe für die tiarin vertretenen Anschauungen beizu- 
bringen. Diesen Erwägungen ist die vorliegende Arlx'it entsprungen, 
die mithin keine grundsätzlich neuen Auffassungen aufstellen, sondern 
lediglich bereits früher vorgetragene mit neuem Material begründen 
und stützen will. Ihre Ergebnisse müssen daher im Zusammenhang 
mit jenen älteren Arbeiten betrachtet werden, auf die wir vielfach 
Bezug nehmen mussten. 

Nach Abschluss dieser Schrift ist das Buch von H. Lüdemann, 
„Reformation und Täufertum in ihrem Verhältnis zum 
christlichen Prinzip." Bern 1890, zu unserer Kenntnis gekommen, 
das der Bekämpfung der von uns vertretenen Auffassungen gewidmet 
ist. Die Ungehörigkeit des Tones, den diese Schrift in ihrer Polemik 
anzuschlagen beliebt, soll uns nicht abhalten, die darin vertretenen 
Anschauungen sachlich zu prüfen. Wir hoffen das Ergebnis in einer 
zu veröffentlichenden Erwiderung vorlegen zu können. 

Berlin-Charlottenburg, am 18. Dezember 180«. 

Berliner Sir. 22. 

I>r. Ludwig Keller. 



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Die Anfänge der Reformation und die Ketzerschulen. 

Untersuchungen 

zur Goseluchte der Waldenscr beim Beginn der Reformation. 

Von 

Ludwig Keller. 



Ks ist in den geschichtliehen Handbüchern üblich, die deut- 
sche Geschichte, abgesehen von den ältesten Zeiten, in zwei grosse 
Abschnitte zu zerlegen, in die Periode des Mittelalters, die bis zum 
Jahre 1517 reicht und in die Periode der neueren Zeit, die von 
da an bis in den Beginn unseres Jahrhunderts gerechnet zu werden 
pflegt. Diese Einteilung ist unrichtig, verleitet zu Irrtümern aller 
Art und reisst zusammengehörige Epochen auseinander. In 
Wirklichkeit zerfällt die deutsche Geschichte in drei in sich zu- 
sammenhängende und von einander wesentlich verschiedene Zeit- 
abschnitte, in eine ältere, eine mittlere und eine neuere Zeit, 
von denen die erste etwa bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, die 
zweite von 1350 — 1650 und die dritte von 1G50 bis in unser 
Jahrhundert reicht. 

Man sagt im Grunde nichts neues, wenn man diese Teilung 
aufstellt. Schon Treitschkc hat (Deutsche Geschichte D, 5) sehr 
richtig bemerkt, dass um die Zeit des westfälischen Friedens die 
neuere deutsche Geschichte beginnt, und die Kunsthistoriker haben 
ebenso wie die Germanisten längst beobachtet, dass die Geschichte 
der deutschen Kunst und der deutschen Sprache drei und nicht 
zwei Epochen kennt, die ebenso von einander verschieden wie 
jede in sich zusammenhängend sind und dass diese drei Abschnitte 
mit den oben angegebenen Zeiträumen zusammenfallen. 

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;•. : ::: • .\y. : :\ ; Koller, 
........ 

Das Emporsteigen der brandenburgisch-preussischen Monar- 
chie seit 1650, die englische Revolution mit ihren Folgen, die 
Loslösung der Wissenschaften von der Bevormundung der Kirche, 
das Emporkommen einer weltlichen Bildung und eines Zeitalters 
der exakten Wissenschaften, wie es durch Leibniz, Oomcnius, 
Newton, Pufendorf begründet wurde und die Überwindung der 
Scholastik, die mit dem .Jahre 1517 keineswegs erloschen war, 
prägt der neueren Zeit den Stempel auf. 

Mit dem .'JOjährigen Krieg fand das Zeitalter der Re- 
ligionskriege, das mit Ludwig dem Baiern und Wiclif begonnen 
hatte, seinen Abschluss. Diese Religionskämpfc aber hängen unter 
sich auf das engste zusammen und es ist ein ganz vergebliches 
Bemühen, die Kämpfe des Protestantismus seit 1517 losgelöst 
von den früheren Kämpfen, die gegen die Lehren und die Vor- 
herrschaft des Papsttums geführt wurden, betrachten und verstehen 
zu wollen. 

Ks giebt noch heute grosse Parteien in der lutherischen 
Kirche, die die Gestalt Luthers dadurch heben zu sollen glauben, 
dass sie das Licht des Evangeliums, das die mittelalterliche 
Finsternis angeblich zum Abschluss brachte, erst mit dein Jahre 
1517 in die Welt kommen lassen. Da diese Vorstellung viel- 
fach geradezu eine dogmatische Bedeutung gewonnen hat, so darf 
man nicht hoffen, jene kirchliehen Kreise davon zu überzeugen, 
dass Luther in den ersten Jahren seines Auftretens durchaus auf 
den Schultern von Vorgängern und Vorläufern steht, mit denen 
er sich im Wesentlichen eins gewusst hat 1 ) und dass er erst seit 
etwa 1524, wo unter seinem Kinfluss sich die Bildung lutherischer 
Landeskirchen vollzog, vielfach eigne Wege eingeschlagen hat, 
die ihn von den älteren Bestrebungen abführten. 

Andererseits hat es freilich von je unter den Protestanten 
Männer gegeben, die auch für die evangelische Welt einen ge- 
schichtlichen Zusammenhang von einer das 16. Jahrhundert 
weit übersteigenden Dauer annahmen und der Gedanke der „Re- 



') Luther nehrcibt im Februar 1520 an Spalatin: „Vide monstra, 
quaeso, in quae veiiimus .sine duce et doctore Bohciuico. Ego prae 
stupore nescio, quid cogitem, videns taui tcrribilin Doi judicia in hominibu«, 
quod veritas evangclica apertiusima jam publice plus centuiu 
annis oxusta pro daninata habetur, nee licet hoc confitcri. Vae 
terrae. (Hilders, Luthers Briefwechwl. 18K4 f. II, 84f> nr. 2H0.) 



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Die Anfänge der Reformation mul die Ketzerschulen. 



formatoren vor der Reformation" hat auch litterarisch einige Ver- 
treter gefunden. 

Die Gründe, die die mangelnde Einsieht in diese für das 
Verständnis der Reformation so wichtigen Vorgänge herbeigeführt 
haben, sind sehr mannigfacher Art und können hier im Einzelnen 
nicht untersucht werden. Aber einige derselben sind doch so 
wichtig, dass sie einleitungsweise hier geschildert werden müssen. 

Man hat die religiösen Bewegungen des 16. Jahrhunderts 
bis jetzt deshalb viel zu wenig in ihren geschichtlichen Zusammen- 
hängen mit den älteren Kämpfen betrachtet, weil die letzteren 
bis dahin überhaupt in ihrem Wesen wie in ihrer Bedeutung 
keineswegs hinreichend gewürdigt und genügend bekannt geworden 
sind. Die römische Kirche hatte, nachdem sie äusserlich sieg- 
reich aus dem Kampfe mit den „Ketzern" hervorgegangen war, ein 
natürliches Interesse daran, die wahre Geschichte und vor allem 
die innere Bedeutung des unterlegenen Gegners zu verdunkeln 
und sie verdrängte daher aus der Litteratur, die sie beherrschte, 
jede sachliche Würdigung, ja thunlichst selbst das Gedächtnis der 
Männer und Systeme, die ihr einst als Feinde gegenüber gestanden 
hatten. Als dann seit 1524 die lutherischen Landeskirchen, die 
von den älteren ausserkirchlichen Religionsgemeinschaften sich in 
den wesentlichsten Punkten unterschieden, ins Leben traten, wur- 
den deren Glieder sich bald bewusst, dass sie als Staatskirchen 
auf lutherischer Grundlage in der Religions- und Kirchcnge- 
schichte ohne unmittelbare Vorläufer dastanden, ja, es entstand die 
Idee, dass die lutherische Kirche eine Reform der katholischen 
Kirche darstelle und dass sie also ihre wahre und eigentliche 
Wurzel keineswegs in älteren ausserkirchlichen Gemeinschaften, 
sondern in der römisch-katholischen Kirche selbst zu suchen habe. 
Unter diesen Uniständen war für die lutherische Kirche als 
solche keinerlei Interesse vorhanden, etwaige geistige Zusammen- 
hänge mit älteren Vorläufern festzustellen, vielmehr nahmen ihre 
Vertreter (von Ausnahmen abgesehen) alsbald gegenüber den „Sek- 
ten" und „Ketzern" des 14. und 15. Jahrhunderte genau dieselbe 
Stellung ein, die von der römischen Kirche eingenommen wurde. 

Anders freilich war es bei den älteren Reformirten. Lange 
Zeit hindurch lebte hier die Überlieferung, dass die evangelische 
Lehre und deren Oeremonien weit älter seien, als Luthers und 
Zwioglis Auftreten, ja dass sie von jeher innerhalb der ( 'liriHten- 

1* 



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•1 



Keller, 



heit Anhänger besessen habe. „Gott der Herr" — so erklärten 
die amtlichen Vertreter der reformirten Kirche des Herzogtums 
Cleve im Jahre 1664 — „hat jeder Zeit gewisse Leute und Werk- 
zeuge mit dem Licht seines Evangelii erleuchtet und erwecket" 
Unter diesen, fahren sie fort 1 ), sei um das Jahr 1160 Petrus 
Waldus und die Seinen gewesen, die „fiirnehme Kirchen und Ge- 
meinen durch ganz Europa gehabt, als in Frankreich, in Arra- 
gonien, Catalonien, Spanien, England, Niederland, Deutschland, 
Böhmen, Polen, Lithauen, Österreich, Ungarien, Kroatien, Dalma- 
tien, Italien, Sicilien u. s. w." Obwohl diese Gemeinden „in den 
Glaubens-Artikeln und dem Fundament der Seligkeit sonst einig 
gewesen", so habe man doch allerlei Namen (wie Lollarden, 
Waldenser, Albigenser, Lionisten u. s. w.) für sie erfunden, um sie 
zum Gespött zu machen oder dem Hasse preiszugeben. 

Indessen verlor diese Uberlieferung in demselben Mass an 
Lebendigkeit und Kraft, als die reformirtc Kirche an kirchlichem 
und religiösem Einfluss gegenüber den lutherischen Staatskirchen 
einbüs8te und indem die Vertreter der letzteren nicht ganz ohne 
Grund auf das Fehlen wissenschaftlicher Beweise für jene Zu- 
sammenhänge hinwiesen, war es ihnen um so mehr erleichtert, das 
Bestehen einer evangelischen Kirche vor Luther zu leugnen, als es 
thatsächlich eine „Kirche" im Sinne der nachmaligen protestan- 
tischen Landeskirchen vor dem Jahre 1525 nicht gegeben hat 
und nicht hat geben können, weil die älteren Evangelischen den 
Begriff der „Kirche", wie ihn Luther und Zwingli fassten, nicht 
gekannt haben. Gerade diese Verschiedenheit des Kirchenbegriffs 
hat ebenso sehr den wahren Einblick in die geschichtlichen Zu- 
sammenhänge wie in das eigentliche Wesen der älteren Evange- 
lischen erschwert und jede Erörterung des Zusammenhangs muss 
von der Betrachtung dieses Punktes ihren Ausgang nehmen. 

Die sichtbare Kirche im Sinne der protestantischen Staats- 
kirchen und der römisch-katholischen Kirche ist an den Besitz 
eines bestimmten Glaubensbekenntnisses und der Gnadenmittel 
und Sakramente gebunden. „Wo die Taufe und das Evangelium 
ist", sagt Luther gelegentlich, „da soll Niemand zweifeln, es seien 
die Heiligen da imd solltens gleich eitel Kind in der Wiegen 



'I Siehe M.H. der CG. 18SH5 S. «3. Über die gleiche Überlieferung 
in Mähren sieh.- M.H. IS'.ir. K 12!). 



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Die Anfänge der Reformation und die Ketzcrachulen. 



sein", und Bellarnrin fasst denselben Gedanken in die Worte, 
dass zum Wesen der Kirche „das Bekenntnis des Glaubens und 
die Teilnahme der Glieder an den Sakramenten gehöre". 

Ganz im Unterschiede hiervon waren die älteren Evange- 
lischen der Ansicht, dass die Gemeinde auch dort vorhanden 
sein könne, wo neben den heiligen Schriften, die sie festhielten, 
ein schriftlich formulirtes Bekenntnis fehle und der Gebrauch 
der h. Handlungen ruhe. Das Kennzeichen der Gemeinde er- 
kannten sie vielmehr in dem rechtmässigen Besitz der Gewalt 
des Amtes und in dem dadurch gewährleisteten Zusammenhang 
mit den Christen der ersten Jahrhunderte, deren lehren und 
Glauben sie als Norm und Richtschnur betrachteten, sowie in der 
Festhaltung der Gemeinde - Ordnung und Verfassung, die 
Christus nach Ausweis der h. Schriften seiner Gemeinde gegeben 
und die die Apostel und ihre Nachfolger beobachtet hatten. 

Es war eine grundlegende Bedeutung , welche sie diesen 
Punkten beilegten. Sie glaubten, dass die Worte Christi oder die 
„Herrenworte" (wie sie sagten) nicht bloss Zusagen und Ver- 
heissungen oder Regeln des Glaubens seien, sondern dass durch 
sie auch die Grundzöge der Gemeindeordnung, wie sie 
Christus gewollt habe, festgelegt seien. Ganz im Gegen- 
satz zu denen, die die klaren und bestimmten Anweisungen der 
h. Bücher ausser Acht lassen zu dürfen glaubten, hielten sie sich 
für verpflichtet, sich den Befehlen Christi und der Apostel nicht 
bloss in Bezug auf Lehre und Glauben, sondern auch in Bezug 
auf die Verfassung und Ordnung ihrer Kirche zu unterwerfen. 

In der diesen „Ketzern" des Mittelalters eigentümlichen 
Ausdrucksweise (die vielfach zu Missverständnissen Veranlassung 
gegeben hat), nannten sie die bezüglichen Anweisungen das „Ge- 
setz Christi" oder die „evangelischen Gebote" und man kann in 
ihren Schriften oft die Wendung finden, dass sie der römischen 
Kirche deshalb nicht angehören könnten, weil diese das „Gesetz 
Christi" schon seit den Zeiten des Kaisers Konstantin und des 
Papstes Sylvester verlassen und verworfen habe. • Sie wollten 
einer Priesterkirche, wie sie seitdem bestand, ebenso wenig 
wie einer Staatskirche angehören und blieben bei ihrer Über- 
zeugung, dass Christus ausschliesslich eine Gemeindekirche 
habe aufrichten wollen, wie sie die Christen der ersten .Jahr- 
hunderte besessen hatten. 



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Keller, 



Thatsächlich hatte die römische Kirche, wie bekannt, seit dem 
Übertritt Konstantins die ältere apostolische Gemeindeverfassung, 
wie sie noch das zweite und dritte Jahrhundert festgehalten hatte, 
aufgegeben und eine der Verfassung des römischen Staates an- 
gepasste Organisation an deren Stelle gesetzt. Damit war für sie 
die Möglichkeit verloren gegangen, die Befehle Christi in ihrem 
ursprünglichen Sinne zur Verwirklichung zu bringen und man 
hatte sich gezwungen gesehen, allerlei Auswege zu suchen, die die 
alte Verfassung völlig umgestalteten. 

Zu den wesentlichen Stücken der alteren Gemeindeverfassung 
gehörte das Apostolat, wie es nach Ausweis der „Lehre der 
zwölf Apostel" noch im zweiten Jahrhundert bestand, d. h. jenes 
Kollegium wandernder Prediger, dessen Glieder nach den Vor- 
schriften des „Gesetzes Christi", w T ie es bei Matth. 10, 1 ff. und 
Luc. 9, 1 ff. u. s. w. aufgezeichnet steht, lebten. 

Seitdem die römische Kirche dieses Apostelkollegiuin be- 
seitigt hatte, sah sie sich, da sie die bezüglichen Vorschriften 
nicht aus der Welt schaffen konnte, zu dem Auswege genötigt, 
zu erklären, dass Christus zum Teil Befehle, zum Teil aber nur 
Ratschläge gegeben habe, welch' letztere nur für die, welche 
die christliche Vollkommenheit erreichen wollten, gegeben seien. 
So trat an die Stelle des alten Apostelkollegs das Mönch tum mit 
der bekannten Theorie der Katschläge, die allmählich eine Um- 
wandlung vieler alten Grundsätze und Anschauungen bewirkte. 

In scharfem Gegensatz zu dieser Theorie erkannten die 
älteren Evangelischen die Lehre von den „Ratschlägen" nicht 
an, sondern blieben dabei, dass die Anweisungen Christi Befehle 
und Gesetze seien — nur mit der Massgabe, dass Christus, 
wie er selbst klar und bestimmt andeutet, einen Teil seiner 
Anweisungen (z. B. die Lehren der Bergpredigt) für alle Men- 
schen, einen andern Teil aber lediglich für diejenigen gegeben 
hat, die als wandernde Prediger im Dienste des Evangeliums 
wirken wollen; denn die Apostel, sagten die „Waldenser", sind 
ein wesentlicher und dauernder Bestandteil der Gemeindever- 
fassung, wie sie von Christus bei Stiftung seiner Gemeinde an- 
geordnet worden ist. 

Wir können hier auf eine Schilderung des Apostelkollegs 
wie es sieh bei den älteren Evangelisehen viele Jahrhunderte 
hindurch findet, nicht näher eingehen und müssen auf die Aus- 



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Die Anfänge der Reformation nml die Ketzersrhulen. 



7 



fflhruDgen verweisen, die wir an anderen Stellen gegeben haben l ). 
Nur ein« sei hier bemerkt Es war natürlich, dass den kirchlichen 
Gegnern der „Waldenser" die charakteristische Eigenart der Apostel, 
die nach bestimmten Kegeln lebten, besonders in die Augen fiel, 
und dass übelwollende oder oberflächliche Betrachter geneigt waren, 
die Unterschiede, die zwischen den Mitgliedern dieses Kollegiums 
einerseits und den Credentes und Socii andererseits — es gab 
drei Stufen des Gemeindelebens — vorhanden waren, zu übersehen 
und mancherlei asketische Besonderheiten der Wandeq>rediger 
als Kennzeichen der ganzen Gemeinschaft hinzustellen. 

So erklärt es sich, dass viele Aussenstehcnde in dieser 
Religionsgemeinschaft lediglich eine Art von Mönchsorden er- 
kannten, und dass man als hervorstechendes Kennzeichen der 
ganzen Gemeinschaft die Askese und W c 1 1 f 1 u c h t ansah , die 
in Wirklichkeit nur die Eigenart eines engeren Kreises von Be- 
rufsgenossen und Dienern der Gemeinde war oder sein sollte. 
Die echte und reine Überlieferung der alteren Evangelischen 
kennt die Weltentsagung lediglich als Pflicht der „Gottesfreunde" 
oder „Apostel", die in dem schweren Amt, das ihnen unter dem 
Druck der Verfolgungen oblag — es war ihre Pflicht, das Evan- 
gelium den „Fremden" zu predigen und sie waren daher die 
Missionare der Gemeinschaft - zur Selbstentäusserung und zum 
Opfermut erzogen werden mussten. 

Ausser dem Apostelamt kannte die „Ordnung Christi", wie 
diese „Ketzer" sie verstanden, in der Gemeinde Bischöfe und 
Alteste, für welche die gesetzmässige Übertragung der Amtsge- 
walt durch die Handauflegung gefordert ward, und ferner 
Diakonen, Diaköncssen, Evangelisten und Lektoren. 

Da sie weder die Gewissen bindende Bekenntnisse besasseu, 
auch keine Gnadenvermittlung durch die Sakramente kannten 
man weiss, dass eben der letztere Gedanke und die damit ver- 
bundene Idee des Opfers den Priest erstand der römischen 
Kirche begründet hat — , so mussten sie um so mehr Gewicht 
darauf legen, jede einzelne Gemeinde durch feste Formen in einer 
regelmässigen und gesetzmässigen Verbindung mit der Gesjuntge- 

') Keller, Die Reformation u. d. älteren Reformparteien. Lpz. 18N;> 
(Register s. v. Apostel); der.s.. Die Waldenser n. die deutschen Bibelüber- 
setzungen. Lpz. 1S8<> (Register); ders., Job. v. Slanpitz und die Anfänge der 
Reformation. Lp/.. ISSN (Register). 



s 



Keller, 



meinde zu erhalten: das geschah durch die Handauflegung, die 
mit der Idee der apostolischen Suceession verwandt, aber doch 
wesentlich von ihr verschieden war. Schon die altehristlichcn 
Gemeinden kannten einen Dienst ßenovQyia) der Ältesten, der 
auf die Apostel zurückgeführt wurde, und derselbe Gedanke be- 
gegnet uns im Mittelalter bei den Gemeinden, die man Waldenser 
nannte. 

Während das Kollegium der Apostel sich durch Zuwahl er- 
gänzte, wurden die übrigen Amter unter wesentlicher Mitwirkung 
der Gemeinde bestellt. Nachdem Christus sich selbst zum Opfer 
gebracht hatte, war der Zweck des jüdischen Opferkultus, nämlich 
die Versöhnung Gottes, ein für allemal erreicht. An die Stelle 
des Opferdienstes und des Priestertums war nach ihrer Ansicht 
jetzt das allgemeine Priestertum aller Gläubigen getreten 
und hierdurch erwuchsen allgemeine Rechte und Pflichten der Ge- 
meinde an der Mitregierung und Verwaltung der Kirche. 

Diese Auffassungen und Grundsätze machten es den älteren 
Evangelischen möglich, innerhalb der bestehenden Kirchen im 
Stillen zu existieren; wie die altchristlichen Geineinden innerhalb 
der heidnischen Staatekirchen trotz schwerer Verfolgungen sich 
im Geheimen fortgepflanzt hatten, so war auch für die „Sekten" 
des Mittelalters die Möglichkeit vorhandeu, ihre Organisation und 
ihre Andachten entweder in religiösen Formen oder unter dem 
Schleier weltlicher Bräuche, wie sie z. B. die Zunft Verfassung 
darbot, innerhalb der römischen Priesterkirche fortzusetzen. Da 
die Teilnahme an den öffentlichen Gottesdiensten in den Kirchen 
den Gläubigen tinverwehrt blieb, so war es in der Regel schwer, 
die Angehörigen einer solchen „Christengemeinde" zu ermitteln, 
und die Verfolgungen trafen denn in der Regel auch nur die 
Apostel, die durch die Beobachtung der apostolischen Regel 
sich von den Laien unterschieden und leicht Verdacht gegen sich 
erweckten. 

Aus diesen Darlegungen ergiebt sich, dass es thatsächlich 
eine evangelische Kirche, in dem Sinn wie der Begriff der 
protestantischen Staatekircheu seit 1525 wissenschaftlich und gc- 
zetzlich festgelegt wurde, nicht gegeben hat: es fehlten eben den 
älteren Evangelischen die wesentlichen Kennzeichen der nach- 
maligen Kirchen, während letztere dasjenige, was die älteren 
Religionsgemeinschaften als das Wesen der rechten Gemeinde be- 



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Die Anfängt? der Reformation und die Ketzerw-hulen. 



trachteten, aufgegeben hatten. Es war in der That ganz begreif- 
lich, dass die nachmaligen protestan tischen Staatskirchen mit den 
älteren evangelischen Gemeinden sich nicht identifizieren konnten. 

I. 

Es war ein durch die Umstände gebotenes Gesetz, dass 
die heimlichen Gemeinden und Brüderschaften, die man Ketzer 
nannte, schriftliche Aufzeichnungen über ihre Ziele, ihre Verfas- 
sung und ihre Mitglieder unterliessen und dass sie als solche 
in die Bewegungen der Zeit nicht eingriffen. Sie mussten sich 
als Gemeinschaft damit begnügen, die Einzelnen im Geiste der 
Gesamtheit zu erziehen und es ihnen dann überlassen, als Einzelne 
auf ihrem Posten für die gemeinsame Sache zu wirken. 

Daher kommt es, dass es heute sehr schwer ist, eine Ge- 
schichte dieser älteren Evangelischen zu sehreiben. Auh dem 
Dunkel, das sie in der Not der Zeit selbst über sich gebreitet 
haben, flackert nur von Zeit zu Zeit ein Licht auf, und fast nur 
aus den Akten der Ketaerprozesse lässt sich gelegentlich einmal 
feststellen, dass irgendwo ein oder mehrere Mitglieder unvorsich- 
tig genug gewesen sind, ihr volles Herz nicht hinreichend zu 
wahren. Nur in Zeiten allgemeiner religiöser Erregung, wie sie 
im 1 5. Jahrhundert die grossen böhmischen Ketzerkriege und seit 
1517 das Auftreten Luthers mit sieh brachte, wird das Kampf- 
feld aus den Zunftstuben und Werkstätten auf die Märkte und 
in die Kirchen verlegt und wie durch einen Zauberschlag sieht 
mau au hundert Orten Organisationen auftauchen, die sich nun 
auch als solche an dem Kampfe der Geister beteiligen und auf 
diese Weise dem Historiker es erleichtern, absichtlich verwischten 
Spuren wenigstens einigermassen geschichtlich nachzugehen. 

„Nicht wenige Männer, schreibt Ulrich Zwingli im Jahre 
1 Ö27 an Luther, hat es früher gegeben, die die Summa und das 
Wesen der (evangelischen) Religion ebensogut erkannt hatten als 
Du." „Aber aus dem ganzen Israel, fährt er fort, wagte es niemand, 
zum Kampfe hervorzutreten, denn sie fürchteten jenen mächtigen 
Goliath, der mit dem furchtbaren Gewicht seiner Waffen und 
Kräfte in drohender Haltung dastand"*). 

') In der Freundlichen Auslegung (Ainicn exegesis) IjJ7. 



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10 



Koller, 



Wer hätte bessere Gelegenheit gehabt, die Verhältnisse der 
Zeit und die Gegensätze und Kräfte der Parteien zu kennen, als 
Zwingli, der zeitweilig den älteren Evangelisehen so nahe stand? 

Da so ziemlich alles, was „Sekten" und „Ketzer" heisst, kaum 
der Beachtung wert scheint, so hat man auch an offenliegenden 
Thatsachen vorbeigesehen und ist bis zu der Behauptung fortge- 
schritten, dass ernstere Spuren vorreformatorischer Ketzer um den 
Beginn der Reformation kaum nachzuweisen seien. 

Wir haben das Unzutreffende dieser Angabe schon in früheren 
Schriften eingehend dargethan 1 ); aber es ist offenbar wünschens- 
wert, noch weiteres Material beizubringen und wir wollen uns 
dieser Aufgabe nicht entziehen. Ehe freilich einmal planmässig 
alle Quellen zur Geschichte der „Ketzerei" (die böhmischen Brüder 
und die italienisch -französischen Waldenser, sowie die mit ihnen 
zusammenhängenden Brüderschaften und Sodalitäten eingeschlossen) 
um das Jahr 1515 erforscht und veröffentlicht sind, werden alle 
Einzelheiten, die man heute ans Licht zieht, nur bescheidene 
Bausteine bleiben. Einstweilen aber sind auch diese von um so 
grösserem Wert, je mehr diese wichtige Frage, die mit dem Ur- 
sprung und den Anfängen der Reformation doch auf das engste 
zusammenhängt, bisher vernachlässigt worden ist. 

Im Jahre 1524 erschien ohne. Druekort, Drucker und Ver- 
fasser-Angabe eine kleine Schrift unter dem Titel: 

Xroftbricfi ber (£()vi|tltd)ett ftrcf)«t i bteiter SBormbg an btc 
frommen ^lüoftcln unb be | fenncr ^efu ISbrifti jo i^t äHciiift, 
9iin | geno unb oUentljolbeii im 33iftum gc | fangen liegen, iren lieben 
Gräbern. | M. D. XXIIII. j Sßid. V. 7 £u wirft bic lugnev umb= 
bringen, bev fjerr t)at gvemel | an ben blutgirigen inuib fcbalrfbaffttgcn. 
A. 1 - C. 4. 4° 
Es wäre in hohem Grade wünschenswert, dass das merk- 
würdige Büchlein, das bisher noch nirgends Beachtung gefunden 
hat 3 ), seinem vollen Wortlaut nach bekannt würde. An dieser 
Stelle müssen wir uns darauf beschränken, einige Stellen wieder- 
zugeben, die für unsere Zwecke von besonderem Interesse sind; 

') Keller, Die Reformation etc. S. -100; ders., Joh. v. Staupitz etc. 
S. 242 ff. 

*) Ein Exemplar befindet sich in der Stadt-Bibliothek zu Mainz. 1» 
den bekannten Werken von Weller, Rep. typogr. und von Panzer. Annalen. 
fehlt die Schrift. 



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Die Anfange der Reformation und die Ketzerechulen. 



11 



wir werden am Schlüsse einige erläuternde Bemerkungen an- 
knöpfen. 

Die Anrede und Überschrift lautet: 
,Mx uon gotteä gnaben «ifdjoDe unb eltiften bev Glnift | lirf)cn 
gemein p SSormbS ben t)ct)ligcn 9tpofteIu unb j beten nern gotte*, fo 
tt'tJt umb bed namen willen unferä | Herren 3efu Gljriftt über feinem 
mort in t>offt unnb | tobe* geferbe fommen fein $u SDfeinfc." 
Zu Eingang des Textes heisst es: 
„önnb fei mit ettd) unb frib uon gott unjerm oattcr unb unjerm 
(jenen %e)u (£t)rifto. ©ebenebetet fei got ber ba rmf)ertyigfet)t unb 
got alles troftd, bev und tröftet in ollem uuferot trübfol, ba mir 
tvöiten fünben bie bo fein in allerlei) trübfal mit beut troft, bamit 
mir tröftet werben uor gt>t. Xann mie beS leibend (Sljriftt Uil über 
uii$ fompt, alfo fompt aud) ml troftc^ über und burd) (£f)riftum. 
2. aorint^ 1." 
Bl. A. 2 heisst es: 
„Slu* eurem leben über lieben brüber, nufi be* oertramen unb 
glauben in got, ber Don eud) meit Derfünbct mirt, melrfjcu ir ba* 
Ijcufflein (grifft* treulid) ungefelfdjt gelert fjat, bau fold)e ^eugntsi 
l)abt iv Don Dilen frommen mengen, mie emet emmnung nit 311 
irtl)um uod) 511 unreijnifeijt gebient fyab (1. These. 2), fei nit mit lift 
gefdjefjen, fonber mie eud) ba* (Joangelion uon got befohlen unb 311 
prebigen uertromt alfo Ijnbt ir gerebt . . ." 

Die Bischöfe und Altesten der christlichen Gemeinde halten 
es für ganz gewiss, dass die Manner, die sich in ihrer Ixjhrthätig- 
keit bisher als „tapfere, grossmütige und weidliche Männer" ge- 
halten haben, auch jetzt, wo sie von ihrer Obrigkeit, dem „Bischof 
von Mainz", zu Rede gestellt und „betedigt" worden, die „Freiheit 
ihres Glaubens davon bringen und nicht wanken werden". 

„Slljo, lieben man unb brüber, biemeil ir bte priefter finb unber 
bem Polcf gotted unb mit beut mort ISfyrifto irer Dil gewonnen 
l)at, gebenrft ber gefdjrtfft, bie bell troftS boll ift unb feit fröltd) . . . 
Mrabam ift Derfud)t unb mit trübfalen probirt unb berbalben (>wtte* 
fruub motten . . ." 

M erlernten* bie uermeinten get)ftlid)en, Gl)ttfti unb unfer fetitbt, 
jur totiuug unb tobtung nit gmig fein, bn$ uon und bie f)et)lig gc* 
l'djrifft, bn* l)od)mtrbig (Suangclion geprebigt mirb . . . fo fudjen iie 
(uie(meqr) Ufte» unb trigercien, uerbmutueu, 51t leftetn unt 
tobten, auf ba<* mir uon ber melt mie fcjjer. mie e* oolrf* uerfürev, 



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12 



Keller, 



lüic ungelnujame oattcrlidjcu gefe(jen, gebracht uub Dcrbcvbct werben 
. . . (Bl. A. 3M 

„3« folgern j'djrciben üerurjacht un*. ba§ wir tjovcit, wie uff eud) 
&u Weinfc imb anberSwo uff anbete (£brijt liebe trüber betagt 
liefen gebicht unb uou beu $apiftifd)en genftlidjen fo feljd)lid) gelogen 
würbt, wie bie pfoffen söaal, bie merrf f)ci)ligen ir böfen gotlojen 
maulet über eud) uffthun uub reben wiber eud) uiwerfdjampt mit 
falfdjen jungen unb beltgen eud) mit Ijeffigen Worten allenthalben 
unb jagen, etpicr t)ab ein feld) geftolen, ber nnber foru, ber brit gelt, 
ber Uierb id)t£ anber§, ber fünft bab feine? bruberd eeweip begert 
uub bergleicfteu onbere lafter; (jaben alfo ire falfdje jungen geübt, 
lügen ju reben unb fid) gcntüet btffeS ,ui würfen, bernteinen bamit 
bes wort gotte§ Uertjinberung , be§ ÜBovte uerfünberen fdjanbt, bafj 
unb bei feberman ungunft jujuiidjtcn, wie ban ncwlid) jweu gifftige 
^npiften pfaffen 311 .fceybclberg be* frommen s JSrebtger 2Ben= 
ce$lao genant ju fdjmad) nad)tet)l unb lefteruug ja tocrflurfjung bem 
göttlichen wort ein fd)enbtlid) tfjabt unb lafter ber unfeufchei)t üor 
jebermau uff beS fdjiffen nungeben unb erbid)t Ijaben . . (Bl A. 4.) 

„(Sud) bat got fünberlidjen beruf fest 511 bem Slpoftelamt. 
baö ir aud) treulid) getrieben l)at, bat« eud) einmal gefallen unb 
Ijabte willig angenommen, fo loft* eud) aud) gejagt fein, waS er ju 
feinen jüngern gereb bat Mut. 5: ©tlje id) fenb eud) wie bie jehaff 
mitten uubei bie wülff . . . ." (Bl. B. I 1 .) 
Auf Bl. B. 2' wird auf der Gegner häufige Versammlungen 
und Katschläge, sonderlich auf die Versammlung vieler Bischöfe 
zu Regensburg 1 ), Bezug genommen. 
Bl. B. 3 heisst es: 
„£reulid)en aber unb brüberlidjeu wollen nur fie alle (uub ba* 
au? pflicbt uitferS Slmpte*) gemanet, gewarnet unb gebetten haben, 
bnfj fie tum foldjer erfolgung Gbrifti (wo e? fein fan) abftellen . . ." 
Der Thatbestand, wie er sich aus diesen Auszügen ergiebt, 
ist mithin folgender: Vor dem Jahr 1524 hatten die Inquisitoren 
des Kurfürsten und Erzbischofs von Mainz, der am 17. Mai 1517 
ein sehr scharfes Inquisitionsedikt gegen die Buchdrucker erlassen 
und neben seinem Weihbischof den Jod. Trutvetter zum Inquisitor 
wider die Häretiker seiner Diözese eingesetzt hatte, eine Anzahl 

') Die Regenaburger Versammlung fand im Juni 1521 statt. Die 
Biachofe verpflichteten sich gegen einige Zugeständnisse der Kurie gegen- 
über zur nachdrücklichen Ausrottung der Ketzerei in ihren Gebieten. 



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Die Anfänge der Reformation und die Ketzcrschulen. 



13 



solcher Ketzer zu Mainz, im Rheingau und allenthalben im Bis- 
tum ins Gefängnis setzen lassen. Die Einsetzung war zu einer 
Zeit erfolgt, wo man von den Wirkungen des damals noch bevor- 
stehenden Auftretens Luthers nichts ahnen konnte; vielmehr lag 
der Grund offenbar darin, dass die Mainzer Geistlichkeit von dem 
Vorhandensein heimlicher Ketzer schon im Frühjahr 1517 Kenntnis 
erhalten hatte; dass die bezüglichen Nachrichten richtig waren, 
beweist unsere obige Druckschrift, 

Diese Männer hatten sich in ihrer Lehrthätigkeit bisher 
„als tapfere, grossmüthige und weidliche Männer" bewiesen, den 
Glauben „weit verkündet" und „ihrer Viele gewonnen". In der 
Zeit aber, wo der Trostbrief an sie geschrieben wurde, befanden 
sie sich in Lebensgefahr und zwar wollten die „vermeinten 
Geistlichen", „Christi und ihre Feinde", es mit der Faugung und 
Tödtung nicht genug sein lassen, sondern man versuchte, sie mit 
List und Trug „zu verdammen und zu lästern". Und gerade 
dies, die Verleumdung ihrer Ehre, veranlasste die Schreiber, ihren 
Trostbrief abzufassen. Denn die Verfasser hatten erfahren, dass 
gegen die Gefangenen zu Mainz ebenso wie anderswo auf andere 
Männer und „christliche Brüder" von den „bösen gottlosen Mäu- 
lern der papistischen Geistlichen", und „Werkheiligen", „unver- 
schämte, falsche Zeugnisse und Lügen" aufgebracht wurden, die 
besagten, der eine habe einen Kelch, der andere Korn, der dritte 
Geld gestohlen und der vierte habe seines Bruders Weib begehrt» 
Das habe man verleumderischer Weise aufgebracht, um das „Wort 
Gottes zu verliindern" und „seinen Verkündern Schande, Hass 
und Ungunst bei Jedermann zuzurichten". Das gleiche Verfahren 
hätten neulich zu dem gleichen Zweck zwei „giftige Papisten" zu 
Heidelberg wider den frommen Prediger Wenceslaus einge- 
schlagen. 

Dieser Trostbrief war geschrieben von Männern, die sich 
als Bischöfe und Älteste der christlichen Gemeinde zu 
Worms bezeichnen; gerichtet war er an andere, die von den Ab- 
sendern in der Anrede „heilige Apostel und Bekenuer Gottes" 
genannt und im Text als von „Gott sonderlich zu dem Apostel- 
amt berufen" bezeichnet werden. Die Absender besassen „zu 
Mainz, im Rheiugau und allenthalben im Bistum" christliche 
Bruder, die unter der gleichen Verfolgung zu leiden hatten und 
die „Apostel" hatten durch ihre frühere I/ehrthätigkcit, die sehr 



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14 



Keller, 



fruchtbar gewesen war, sich das Vertrauen der „christlichen Ge- 
meinde" in Worms errungen. Solche Trostbriefe — wir kennen 
die Bezeichnung aus der Geschichte der „Ketzer", die seit 
dem Jahre 1525 unter dem Namen „Wiedertäufer" auftauchen — 
pflegten in den damaligen und in den früheren Zeiten fast aus- 
schliesslich handschriftlich verbreitet zu werden und gerade 
in Handschriften sind sie uns zahlreich erhalten. Es ist auch 
wahrscheinlich, dass unser vorliegender Trostbrief erst einige Zeit 
nach der Absendung an die Öffentlichkeit gebracht ist, und dass 
der Titel, der das Wort „Kirche" enthält, nicht von den Absen- 
dern selbst herrührt. 

Wie dem auch sei, so ist sehr beachtenswert, dass keinerlei 
Spuren dieser Mainzer und Heidelberger Ketzerprozesse in den 
Akten und Chroniken jener Zeit bisher haben ermittelt werden 
können; wenn die Gefangenen wirklich, wie es damals sehr oft 
geschah, als weltliche Verbrecher abgeurteilt worden sind, so 
machte die Sache wenig Aufsehen ; Diebe und Ehebrecher wurden 
in Menge gerichtet, ohne dass die Angelegenheit viel Staub auf- 
wirbelte. Eben um dies zu verhindern, dürfte der Protest des 
Trostbriefs veröffentlicht worden sein. 

Es ist zu bedauern, dass sich die Persönlichkeit des Wenzes- 
laus, der als Prediger zu Heidelberg in dem Trostbrief genannt 
ist, einstweilen nicht hat feststellen lassen; es scheint aber, dass 
damit ein Hinweis auf böhmische Zusammenhänge gegeben ist, 
zumal es feststeht, dass die böhmischen Brüder seit alten Zeiten 
Freunde und Verbindungen am Mittelrhein besassen. 

Man darf hier wohl an die Thatsachen erinnern, die bei 
Gelegenheit der Ketzerprozesse wider Johann v. Wesel um 1470 
und wider Peter Turnau um 1425 in Worms und Speier an das 
Licht kamen. Dadurch wurde festgestellt, dass Johann v. Wesel 
mit einem Abgesandten der böhmischen Brüder, Namens Nicolaus, 
Umgang gepflogen hatte, und man glaubte zu wissen, dass Wesel 
selbst im Geheimen Mitglied oder gar Bischof der Brüder gewesen 
sei, und es kam ferner an den Tag, dass Johann von Schlichen 
gen. Drandorf als Sendbote Christi, d. h. als Apostel, unter den 
„christlichen Gemeinden" in der Gegend von Würzburg, Basel, 
Strassburg, Worms und Speyer gewirkt hatte. Drandorf, der 
von Peter Turnau in die „heimliehen Gemeinden" am Mittelrhein 
eingeführt worden war, erzählt selbst, dass er in diesen Gegenden 



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Die Anfänge der Reformation und die Ketzerschulen. 



15 



wider den Eid und andere Irrlehren gepredigt habe 1 ). Im Jahre 
1405 hatte der Bischof Humbert von Basel aus Aussagen ge- 
fangener Ketzer festgestellt, dass in der Gegend des Mittelrheins 
und um Heidelberg eine starke Ausbreitung der „Begharden und 
Lollharden" vorhanden sei. 

In dem Prozess gegen Schlieben kam u. A. die Thatsache 
an das Licht, dass in den „Christlichen Gemeinden", deren Apostel 
dieser war, eine von dem Text der Vulgata abweichende Bibel- 
übersetzung bräuchlich war; einer der Inquisitoren warf dem 
Schlieben ein „falsches Citat" vor; in der That widersprach das 
Citat der Vulgata, gab aber, wie sich heute feststellen lässt, den 
griechischen Urtext richtig wieder. Auch aus dem oben be- 
sprochenen Trostbrief und dessen Bibelcitaten erhellt, dass die 
„Bisehöfe und Altesten der christlichen Gemeinde zu Worms" 
eine andere Bibelübersetzung als die lutherische vor sich hatten 2 ). 

Bei der Betrachtung der grossen religiösen Bewegung darf 
man nicht vergessen, dass dieselbe von dem Kampf um den 
Ablass ihren Ausgang genommen hat. 

Albrecht von Brandenburg hatte, als er zum Erzbischof 
von Mainz erwählt wurde, sich verpflichtet, der Kurie für die 
Zusendung des Palliums 80 000 Dukaten zu bezahlen. Da er den 
grössten Teil dieser Summe borgen musste, so liess er sich im 
Mai 1514 von Jakob Fuggcr in Augsburg 21 000 Dukaten 
gegen Schuldschein geben, und um diese Schuld bezahlen zu kön- 
nen, erwarb er vom Papst gegen Zahlung weiterer 10 000 Dukaten 
das General-Kommissariat des damals ausgeschriebenen Jubelab- 
lasses. Die Eiuküufte des letzteren waren für die Fugger be- 
stimmt und Tetzel bereiste Deutschland in Begleitung eines Ver- 
treters dieses Hauses. 

Schon seit Jahrhunderten hatte der Schacher, der mit dem 
Ablass getrieben wurde, weite Kreise mit Abscheu erfüllt und 
angesehene Männer waren in Wort und Schrift dagegen aufge- 
treten, ohne dass es indessen gelungen wäre, unter dem Volk 
damit Wiederhall zu finden. Jetzt aber, im Jahre 1517, war es 

') Siehe Allg. deut. Biogr. ». v. Schlieben. 

-) Es sind dies Thateachen, die weiter verfolgt zu werden verdienten, 
um den Ursprung der vorlut herischen Bibel weiter festzustellen. Zur Suehc 
vgl. Keller, Die Waideuser u. die deutschen Bibelübersetzungen. Lpz. INSU. 



16 



Keller, 



anders. Luthers Wort weckte ein lautes Echo, und den Resonanz- 
boden gaben in den ersten Jahren neben Andern vornehmlich die 
Societäten der Humanisten und die „Ketzerschulen" ab, die wir 
kennen lernen werden. Das Zusammenwirken Luthers und dieser 
stillen Verbände war es, wodurch die grosse Bewegung in Fluss 
geriet, die die finanziellen Interessen der Kurie, des Erzbischofs 
von Mainz und der Fugger in Augsburg auf das schwerste zu 
gefährden drohte. 

Die Fugger waren bei den mannigfachen Fäden, durch die 
sie hohe und niedere Kreise an sich zu fesseln verstanden hatten, 
über die Sachlage genau unterrichtet und während sie der Kurie 
und den geistlichen Behörden den Kampf gegen Luther und 
dessen gelehrten Anhang überliessen, setzten sie ihren Einfluss 
bei den ihnen zugänglichen Magistraten und Zunftmeistern ein, 
um die widerspenstigen Bruderschaften und „Ketzerschulen" zum 
Gehorsam zu bringen. 

Wie weit die Fugger bei den Verhaftungen im Bistum 
Mainz unmittelbar ihre Hand im Spiele gehabt haben, lässt sich 
nicht mehr erweisen. Wohl aber ist uns von gleichzeitigen Chro- 
nisten der Anteil übermittelt, den sie an der Unterdrückung der 
„Ketzerei" in Augsburg nahmen und es ist merkwürdig, dass 
die gleichen Massregeln an beiden Orten zur selben Zeit erfolg- 
ten, nämlich im Sommer und Herbst des Jahres 1524. 

Zu Augsburg predigte damals der Barfüssermönch Dr. Hein- 
rich Schilling im Sinne der Lutherischen 1 ) und er fand vielen 
Anhang, besonders unter den Handwerkern und den kleinen Leuten. 
Der Rat beschloss, ihn seiner aufreizenden Predigten wegen aus der 
Stadt zu verweisen und Schilling folgte dem Befehl nach einigem 
Sträuben. Kaum aber hatte er die Stadt hinter sich, da versam- 
melten sich seine Anhänger und Freunde, etwa 1500 Männer und 
Frauen (es war am 6. August 1524) unbewaffnet vor dem Rathaus, 
sandten 12 Vertreter zu dem gerade versammelten kleinen Rat 



') Schilling wird in der in der Pfarr- Registratur von S. Anna be- 
ruhenden „Kurzen und gründlichen Beschreibung aller evangelischen Herrn 
Prediger zu Augsburg", sowie in der im Stadtarchiv beruhenden „Chronik 
Augsburg. Evangelischen Ministerii de Ao l;"il7" als erster evang-luth. Pre- 
diger bezeichnet. Siehe Voigt, Johann Schilling etc. in der Zt». des bist. 
Vereins f. Schwaben und Nciiburg 1 isTi ► S. 2!>. Da diese Chroniken uns 
den Kreiden lutherischer (ieistlichen stammen, verdienen sie Itenehtiing. 



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Dil" Anfang«- di r Reformation und die Ketzerschulcn. 



17 



und linsen durch ihren Sprecher Christoph Heerwart um Rück- 
berufimg Schillings bitten. Der Rat, eingeschüchtert durch die 
Menge, glaubte Entgegenkommen zeigen zu müssen, versprach die 
Rückberufung und sicherte den Verstimmelten Straflosigkeit zu. 
Die Kunde von dieser Nachgiebigkeit bestimmte viele römische 
Geistliche und den Jakob Fugger, der als Anstifter der Ausweisung 
bezeichnet wurde, die Stadt zu verlassen. „Es geschah aus lauter 
Neid", berichtet der Chronist Wilhelm Rem, „dass ein Rat den 
Doktor aus der Stadt bot, denn ein Rat hing fest an den Pfaffen, 
das gab man die Schuld dem Fugger" etc. 1 ) Damit war in 
der Sache aber nicht das letzte Wort gesprochen. Der Hat htitte 
nur vorläufig nachgegeben; sobald er sich frei fühlte, Hess er 
rüsten : es wurden Geharnischte und ()30 Knechte angeworben 
und die Verhaftungen begannen. Man hätte nun erwarten dürfen, 
dass der Rat gegen die Führer des Auflaufs vorgegangen wäre, 
aber die Gefangeusetzungen und Hinrichtungen trafen nicht diese, 
sondern andere Männer 2 ). Es ist merkwürdig, dass fast an 
demselben Tag, wo der Rat innerhalb der Stadt die ersten Ein- 
kerkerungen vollzog, Herzog Wilhelm von Baiern den reichen 
Augsburger Patrizier Georg Regel, der gerade auf seinem Schloss 
Lichtenberg weilte, von bairischen Reisigen überfallen und mit 
Weib und Kind nach München ins Gefängnis führen Hess. Georg 
Regel, eines reichen Wirtes Sohn aus Wörth, hatte im Jahre 
1491 die Tochter eines Patriziers, Barbara Lauringer, geheiratet 
und dadurch das Recht erhingt, in der Stube der Geschlechter zu 
verkehren. Als er sieh im Jahre 1510 in zweiter Ehe mit Anna 
Manlieh verheiratete, verwehrten die Geschlechter seiner Frau den 
Zutritt und es kam zu heftigen Parteiuugen in der Bürgerschaft. 
Regel trat auf die Seite der Zunftstuben und es schien im Jahre 
1516, als solle ein Auflauf daraus werden, „denn das Hand- 
werksvolk war hitzig auf die Bürger (Patrizier), das machten 
die Zunftmeister, die waren dem Regel günstig." 3 ) 

Kaum war Regel unschädlich gemacht, so kam die Reihe an 



') Chroniken der deutsehen Städte Bd. 2f> (Augsburg Bd. V) Lpz. 
18! Mi »S. 20b\ 

■) Auf diesen merkwürdigen Umstand hat schon Voigt a. O. 8. 11 
hingewiesen, indem er sagt: „die Verhaftungen trafen nicht die eigentlichen 
Kührer" (des Auflaufs». 

■') Chroniken der deutschen Städte a. O. ,S. ,"i7. 

2 



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IS 



Keller, 



seine Freunde in der Stadt. Am 13. September 1524 — Regel 
war um den 8. September herum dingfest gemacht worden — 
verhaftete der Rat zwei Weber, beides 60jährige Männer, Hans 
Kag und Hans Speiser oder (wie ihn eine andere Quelle nennt) 
Hans Pfoster 1 ), Hess sie foltern und alsbald köpfen. Um 
dieselbe Zeit waren eine Anzahl von Gesinnungsgenossen dieser 
Weber, die sieh unter Leitung der Hingerichteten des Nachts 
in Privathäusern versammelt hatten (u. A. ein Weber Ix'onhard 
Knöringer, Christof Beissen, Hans Schermair, Barbara Bogenschütz, 
Hans Gabler), in die Eisen gelegt, gemartert, teilweise an den 
Pranger gestellt und mit Ruten aus der Stadt gepeitscht worden. 
„Mit Kag und Speiser", erzählen die Chroniken, „fing man viel 
Frauen und Männer, die martert man hart und verbot ihnen die 
Stadt." 

Die Hinrichtung der beiden Weber erfolgte gegen den üb- 
lichen Brauch heimlich: „man hat sie in der Stille aus den 
Eisen geführt'*, erzählt der Chronist Sender, „die Sturmglocke nit 
mitgcläutet, damit der Pöbel nit wieder aufrührig würde." -) „Der 
Speiser", erzählt Wilhelm Rem, „war gut evangelisch und hatte 
ein gut Lob. Als man ihn aus den Eisen führte vor das Rat- 
haus, da fragte er, wo man ihn hinführen wollte, da sagte man 
ihm, mau wollt ihn richten. Man rief wider ihn aus, er sollt 
Gelübd und Eid nicht gehalten haben .... Er sagt, ein Rat 
thät ihm Unrecht und Gewalt, darauf wollt er sterben. Er 
sagte, er müsse um des Gotteswortes wegen sterben und 
er wollt auch gern sterben .... Also sehlug man ihm den Kopf 
auf dem Platz ab." 

Es entsteht nun die Frage, weshalb die Rache des Magistrats 
gerade diese Männer und Frauen traf. In der Stadt hiess es: 
„Es muss Gott erbarmen, dass man die Leut ermordet um der 
Wahrheit wegen." a ) Andere sagten, Hans Speiser habe an die 
Hussiten erinnert und gesagt, „man müsse es machen wie vor 
Zeiten zu Österreich geschehen ist" ') und habe mit solchen und 



') S. Voigt a. O. K 2!»; der andere wird auch Hans Karkh genannt ; 
die Sehreibung beider Nainen sehwankt (s. unten}. 

') S. Chroniken Bd. 23 (Augsburg Bd. IV) S. 1">!I und Roms Beliebt 
in den Chroniken Bd. 25 8. 208. 

*) & Voigt a. O. S. 1(1. 

4 ) Voigt a. O. S. 



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Die Anfang» der Reformation und die Ketzcrschulcn. 



19 



ähnlichen Worten zu Gewalttaten aufgefordert. Das uns erhal- 
tene Todesurteil wider Kag (das über Speiser fehlt) sagt, er habe 
„Gott den Herrn gelästert, seine ordentliche Oberkeit grosslieh 
geschmäht, auch widersetzige und aufrührige Heden und Sachen 
gebraucht". l ) Wodurch er Gott gelästert, die Obrigkeit geschmäht 
und worin er sieh widersetzig gezeigt hat, sagt das Urteil nicht. 
Sicher ist nur, dass weder Kag noch Speiser nähere Beziehungen 
zu Sehilling besessen haben '-') und dass Speiser an den Ereignissen 
des u\ August gar nicht beteiligt war. 

Bei diesen Widersprüchen der Quellen trifft es sieh glück- 
lich, dass Hans Kag und sein Leidensgenosse uns einen Trost- 
brief hinterlassen haben, der von ihnen als Hirten an ihre „ver- 
störte Heerde** gerichtet ist. Dieser Trostbrief enthüllt den wahren 
Charakter der Vorgänge und des Prozesses auf das deutlichste. 

Die hingerichteten und gefolterten Männer waren 
die Bischöfe und Altesten der Gemeinde Christi zu 
Augsburg, welche die Gegner Waldenser nannten. Die 
Chroniken der „Gemeinden Christi" man nannte sie später 
Täufer — berichten darüber 3 ): „Hans Koch und Leonhard Mei- 
stor 4 ), ihrer Abkunft nach Waldenser und keineswegs die 
geringsten unter diesen, waren zwei fromme Männer; das kam 
an den Tag, da sie die christliche Wahrheit, die sie eifrig ver- 
traten, lieber hatten als ihr eignes Leben. Darum sind sie beide 
zu Augsburg um der Wahrheit des hl. Evangeliums willen 
getödtet worden im Jahr 1524." Diese zwei Männer, heisst es 
weiter, haben vor ihrem Tod ein Gebet aufgezeichnet und dieses 
als eine Vennahnung den „Mitgenossen ihres Glaubens" und allen 
ihren Nachkommen als Trostbrief hinterlassen. 



') Das Urteil ist abgedruckt bei Voigt 8. 20. 
"-') Voigt a. (). 17. 

•') Tileinaim v. ßraght, Hot bloedig Tooncel etc. 1085, Tbl. II S. 1 f. 

*) Die Augsburger Chroniken nennen den ersten Hans Kag, auch 
Hann Kager; der zweite wird, wie wir «dien, Hans Speiser genannt. Ks 
liegt hier offenbar ein Missvorständnis oder eine falsche Xamensehrcibung 
(Meister kann aus Speiser gemacht worden sein) vor. Der Meister Leon- 
hard (Knöringen ist nach den Augsburger Quellen zwar gemartert und 
vertrieben , aber nicht hingerichtet worden; auch Iiconhard war Weber wie 
Speiser. Daher lag die Verwechselung nah. In den Täuferchroniken fehlen 
die Familiennamen häufiger und es werden nur die Vornamen genannt. 



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20 



Keller, 



In diesem Trostsehreiben, dos handschriftlieh unter den „Ge- 
meinden", die bis 1525 von den Gegnern „Waldenser" und von 
da an „Wiedertäufer" genannt wurden, fortgepflanzt wurde 1 ), er- 
klaren die „Hirten" 2 ) ihren armen „Sehäflein": „Die Feinde haben 
keine andere Ursache für ihr Wiithen, das sie täglich an uns üben, 
als dass wir ihren Willen nicht vollbringen, sondern Dich, o Gott, 

in unseren Herzen lieben Darum peinigen sie uns mit grosser 

Xöthigung und bereiten uns viel Sehmerzeu Wenn wir uns 

zur Abgötterei hergäben und allerlei Bosheit hautierten und thaten, 
so würden sie uns in Flieden, ruhig und ungeschädigt wohnen 
lassen .... Wenn wir Dein Wort verleugneten, so würde uns 
der Antichrist nicht hassen, ja, wenn wir seine lügenhaften Lehren 
glaubten, seinen Irrlehren folgten und mit der Welt auf dem 
breiten Wege gingen, so würden wir Gunst bei ihnen haben 
Was liegt daran, dass wir hier eine kleine Zeit verschmäht und 
verspottet werden, da uns Gott die ewige Kuhe und Seligkeit 
versprochen hat." „O Herr Gott", heisst es am Sehluss, „wolle 
Dich über Deine armen Schafe erbarmen , die (jetzt) verstreut 
siud und keinen rechten Hirten mehr haben, der sie von 
nun an lehrt . . . . lass sie nicht auf fremde Stimmen hören 
bis zum Ende." 

Der Thatbestand, der sich aus dieser Urkunde und den 
Nachrichten der Täuferchroniken ergiebt, ist also folgender: 

Hans Koch und sein Mitgenosse waren unter den sog. 
Waldensern angesehene Männer und die „armen Sehäflein", 
unter denen sie das Hirtenamt verwalteten, besassen nach ihrem 
Tode Niemanden, der sie unterwies und lehrte. Im Gefängnis, 
wo sie arg gepeinigt worden waren, hatte man ihnen zugeredet, 
ihren Glauben zu verleugnen, sie hatten es abgelehnt, obwohl sie 
überzeugt waren, dass sie dadurch Gunst bei ihren Feinden ge- 
winnen würden. Den Tod vor Augen, versichern sie, dass sie 
keine andere Ursache der ihnen zu Teil gewordenen Verfolgung 
kennen, als ihre Liebe zum Worte. Gottes. Sie starben nicht ohne 
Furcht, dass die ihnen bisher anvertrauten Seelen „fremden Stim- 
men" folgen könnten. 



') Einen Abdruck in holl. Übernetzung giebt Braghl u. Ü. ü. 2. 
■) Das „Hirtenamt" lag in der Hand der Bischöfe oder Alterten; der 
Name Hirt wird gleichl>edeutcnd mit Bischof gebraucht. 



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Die Anfänge der Kefurmnliun uixl die Kelzersehulen. 



21 



Wenn man sich die liier bezeugten Thatsachen vergegen- 
wärtigt, fällt auf die Massregeln des Magistrate ein ganz neues 
Licht Man versteht, weshalb gerade diese alten Leute, die in 
der Sache der unbewaffneten Ansammlung vom (>. August gar 
nicht belastet waren, herausgegriffen wurden, und weshalb erst 
nach allerlei Sicherheitsmassregeln das Urteil wider sie vollstreckt 
wurde. In früheren Zeiten hatte man mit den „Ketzern" kurzen 
Prozess gemacht, auch die Öffentlichkeit nicht gescheut Jetzt, 
in der religiös so aufgeregten Zeit, mussten die „Ketzer" unter 
dem Vorwand des „Aufrühre" hingerichtet und in aller Stille bei 
Seite geschafft werden. Auch dies wagte man erst dann, nachdem 
Herzog Wilhelm von Baiern die vornehmste Stütze der Augsburger 
„Evangelischen", den Georg Regel, der kurz darauf ebenso wie die 
übrigen Mitglieder der „Waldenser"-Gemeinde als „Wiedertäufer" 
verfolgt wurde, in Augsburg aus dem Wege geräumt hatte. 

Es ist auch für die Beurteilung der sich entwickelnden 
Gegensätze von Erheblichkeit, dass der katholische Magistrat zu 
Augsburg in denselben Monaten, wo er einem Teil der „Evange- 
lischen" durch die Berufung des Urbanus Rhegius Zugeständnisse 
machte, die Wortführer und Altesten der dort bestehenden Brüder- 
gemeinde aufs Schaff ot brachte, natürlich nicht als Evangelische, 
sondern als „Eidbrüchige" (wie Senders Chronik sagt) und „Auf- 
rührer"; es hatte sich offenbar nicht machen lassen, sie wie in 
Mainz als „Diebe" hinzurichten. 

Wenn der Magistrat und seine Hintermänner die Gefange- 
nen nicht als gefährliche Gegner ansahen, warum ergriffen sie 
dann so ernste Massregeln ? In der That waren die „Gemeinden 
Christi" überall in grosser Bewegung und gerade zu Augsburg 
hatte im Juni 1524 Ludwig Hätzer mit angesehenen Brüdern und 
Freunden Versammlungen gehabt und hatte sich von da zu 
gleichem Zweck nach Nürnberg begeben. Der Rat zu Augsburg 
wusste wohl, weshalb er gerade gegen diese Männer und Frauen 
mit äusserster Strenge einschritt. 



Aber nicht bloss am Mittelrhein und in Augsburg, son- 
dern auch am Oberrhein gab es um das Jahr 1524 Gemeinden, 
welche Apostel, Evangelisten, Bischöfe und Diakonen besassen 
und die mit den „christlichen Brüdern" in Siidfrankreieh und in 



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22 



Keller, 



verschiedenen Gegenden Deutschlands in Verkehr standen '). Wir 
wissen ans dem Wormser Trostbrief, dass die« keineswegs etwa 
willkürlich erfundene Amtsbezeichnungen für lutherisch gesinnte 
Geistliche waren, sondern dass sieh ein altüberlieferter Sinn 
und Brauch damit verband 2 ); keine Gemeinde hätte diese Wür- 
den einem Manne zugestanden, der nicht gesetzmüssig durch die 
Handauflegung dazu berufen war und damit zugleich den Zu- 
sammenhang mit den älteren Gemeinden und mit der Gesamt- 
gemeinschaft beweisen konnte. Eine Organisation, die unter dem 
Druck schwerer Verfolgung sich behaupten soll, bedarf fester und 
bestimmter Normen und man bekundet sehr geringes Verständnis 
geschichtlicher Entwicklungen, wenn man meint, dass solche Amter 
und Namen sich von heute auf morgen erfinden und in Wirk- 
samkeit setzen Hessen 8 ). 

Zu dem Freundeskreise, innerhalb desseu uns um 1524 am 
Oberrhein und in der Schweiz jene Amtsbezeichnungen als damals 
gebrauchte Namen begegnen, gehören Franz Lambert von 
Avignon 4 ), Anemuud de Coet, Jean Vaugris, Michael 
Bentinus, Ahne' Maigret, Peter Sebiville und Andere. Wir 
haben an anderer Stelle'') die Beziehungen erörtert, welche den 
ehemaligen Johanniterritter Anemund de (Ott und den Michael 



') In den Briefen französischer Reformatoren au« 1512 — 152(3, die 
Horm in jard, Correspondancc des Reform ateurs etc., Genevc et Pari« I8G<>, 
Bd. I, gesammelt hat, werden die „Apostel", „Evangelisten" und „Bischöfe" 
mehrfach erwähnt; vgl. Bd. I, .'UH und Anm. 4. 

? > Prcger, Abhandlungen etc. 181)0 S. 27, sagt: „Die älteren Wal- 
denser betrachteten die 3 Ordines des Diakonats, Presbyterats und Episkopat* 
als schriftmässig und notwendig." Dabei hat Preger unterlassen, das Apostolat 
zu erwähnen. 

') Während die Namen der Männer, die um 1524 als Apostel, 
Bischöfe und Alteste am Mittelrhein und Oberrhein wirkten, verschollen 
sind, sind wenigstens einige Namen von „Dienern des Worts" aus dem Be- 
ginn der zwanziger Jahre auf uns gekommen. Zu Kitzböchl in Tyrol war 
im Jahre 1522 Thomas Hermann „Diener" der Gemeinde, der im Jahre 1527 
als Prediger der dortigen „Wiedertäufer" den Märtyrertod erlitt. (Beek, 
Geschichtsbücher der Wiedertäufer etc. S. 5»U 

4 ) Auf die Übereinstimmung zwischen Lamberts Grundsätzen und den 
Ideen der Waldenser hat u. A. Richter, Die evang. Kirchenordnungen 
1846 etc. II, 5l5, aufmerksam gemacht. Eine Monographie über Lambert 
wäre sehr erwünscht. 

'•I Keller, Stanj.it/. S. 2151 ff. 



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Die Anfänge der Information und die Ketzersehulen. 



Bentinus einerseits mit den „ehristliehen Brüdern" in Südfrankreich 
und den „Wiedertäufern" andererseits, (z. B. mit Konrud Grebel 
und Hans Denck) verbanden, welch letztere von jenen ausdrück- 
lich ebenfalls Brüder genannt werden. 

Wir wollen die Schlussfolgerungen, die sich hieraus für die 
Beurteilung der Zusammenhange ergeben, an dieser Stelle nicht 
noch einmal wiederholen; sicher ist aber, dass diejenigen Forscher, 
die jene Beziehungen mit Stillschweigen übergehen, ihrer Methode 
ein sehr ungünstiges Zeugnis ausstellen. 

Die „heimlichen Gemeinden", über welche diese Apostel, 
Bischöfe und Ältesten gesetzt waren, existierten um das Jahr 
1515 ebenso wie früher vielfach in der Form von Brüderschaften, 
in denen unter dem Drang der Zeit der Sakramentskultus ruhte. 
Die Brüder fanden sich zum Gebetskultus, zu Andachten, Bibel- 
erklärungen und zu Liebesmahlen in aller Stille (meist Nachts) 
zusammen. Das waren ja allerdings im Sinne der Kirche keine 
„Gemeinden", aber sie selbst betrachteten sich doch als solche 
und ein Band gleicher religiöser Uberzeugungen umschlang die 
Glieder. Sie waren bereit, sobald sie konnten, auch den Sakra- 
mentskultus nach ihren Grundsätzen aufzunehmen und ihn, wenn 
thunlich, öffentlich zur Ausübung zu bringen. 

Solche Brüderschaften 1 ) gab es um das Jahr 1520, wie wir 
att anderm Orte dargethan haben 2 ), in vielen Städten. Hier soll 
nur auf einige früher noch nicht erwähnte Thatsachen hingewiesen 
werden. 

In St. Gallen bestand um 1522 (wir wissen nicht, seit wann 
sie vorhanden war) eine Brüderschaft, der u. A. die Zunftmeister 
Mainradt Weniger und Gabriel Bilwiller, ferner Hans Kamsower, 



'l Sie nannten sich seit etwa 1522 meist evangelische oder christ- 
liche Brüderschaften und gaben damit den religiösen Charakter zu erken- 
nen; vor dem Ausbruch der grossen religiösen Bewegung traten sie selten 
anders als unter Verhüllung des religiösen Zweckes und noch seltener als 
Ganzes vor die Öffentlichkeit. Zur (ieschichte der Bezeichnung „Evange- 
lisch" s. die Ausführungen bei Keller, Staupitz (Register unter Evangelisch). 
Sie war unter den „Waldenscrn" etc. seit allen Zeiten als Parteibezcichnuug 
üblich. So heisst es in den böhmischen Artikeln von 1418: Sacerdotes 
evangelici laborantes cum plebe. Anonymi relatio. Docum. Mag. .loh. Hus 
vitatn illustrantia p. üSl. 

'-') Keller, Die Reformation l Register s. v. Brüderschaft i und Job. 
v. Staupitz S. 241 ff. 



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24 



Keller, 



Ambrosius Sehhunpf, Aberli Schlumpt' uud Heda Milcs Trcier 
angehörten; sie nannten sieh christliche Brüder, und es waren 
viele Weber unter ihnen; sie' hingen nach ihrer Aussage dem 
„Worte Gottes" an und versammelten sich im Geheimen zu Lesung 
und Erklärung der Bibel, zuerst in den Häusern der Genossen, 
später im Zunfthaus der Weber '). Diese Sehlde oder Ketzer- 
schule (wie die Gegner solche Bruderschaften nannten) besass 
eine enge Verbindung mit der in Zürich um 1522 nachweisbaren 
„Synagoge", die in Claus Hottingcrs Hause sich zusammenfand, und 
deren „Diener des Worts" damals der Buehführer Andreas auf 
der Stülzen war 2 ). Von jeher waren die alten „KeUerseludon" 
bemüht, für ihre Versammlungen und Andachten auch die Mit- 
wirkung litterarisch gebildeter Männer zu gewinnen, und es gelang 
den St. Galler Brüdern im Jahre 1523, den gerade damals von 
der Hochschule zu Wittenberg zurückgekehrten St. Galler Bürger- 
sohn Joh. Kessler (geb. 1502) auf ihre Seite zu ziehen. Kessler, 
der Luther persönlich kennen gelernt hatte, gab die bis dahin 
gehegte Absicht, Priester zu werden, auf, erlernte ein Handwerk 
und wurde seit dem 1. Januar 1524 „Leser" — so lautete der 
Name dieses Amtes 8 ) — der Brüderschaft. 

Kine Zeit lang verwaltete er sein Amt zur Zufriedenheit der 
Brüder, aber allmählich trat es zu Tage, dass er zu Wittenberg 
andere Ansichten, als sie in der Brüderschaft überliefert waren, 
sich zu eigen gemacht hatte, und als einst bei einer Versammlung 
ein angesehenes Mitglied der Züricher „Ketzerschule", Lorenz 
Hochrütiner, zugegen war, kamen die Meinungsverschiedenheiten 
zum lebhaften Ausdruck. Bald darauf legte Kessler sein Lek- 
torenamt nieder und widmete sich ganz seinem Handwerk. 

Die Brüder, die geglaubt und gehofft hatten, in dem jungen 
Theologen einen getreuen Dolmetsch ihrer eignen Ansichten ge- 
wonnen zu haben, sahen sich getäuscht: schon frühzeitig trennten 
sich die Wege der beiden Richtungen. Wenn, wie heute vielfach 
noch angenommen wird, die evangelischen Brüderschaften und 
die „Ketzerschulen" erst durch Luthers Schriften ins Leben ge- 
rufen worden waren, wie kommt es dann, dass die Schüler Luthers 

') Hauptquclle für diese Thatsachen int Joh. Kcosler* Sabbatha, hrsg. 
von Götzinger (St. Gallen 186(>). 

*) Nähereft über diene „Schule" bei Keller, Die Reformation, S. MlU f. 
'! Den Belehr siehe bei Kgli, Die St. Guller Täufer. 18S7, S. 14. 



Die Anfänge- der Reformation und die Ketzerschulcn. 



25 



aUbald mit diesen Evangelischen in imausgleichbare Meinungs- 
verschiedenheiten gerieten. 

Ebenso wie in St. Gallen hatte die Züricher „Schule" sieh 
erfolgreich bemüht, jüngere Theologen au sich zu ziehen, und es 
ist urkundlich bezeugt, dass in den Fasten des Jahres 1522 an 
einein der im Brüderkreise üblichen Liebesmahle der Ijcutpricster 
Ulrich Zwingli teilnahm 1 ), der wenige Jahre darauf ebenso wie 
Johannes Kessler mit den alten Freunden vollständig zerfallen sollte. 

In der bereits erwähnten Schrift „Freundliche Auslegung" 
vom Jahre 1527 stellt Zwingli es in Abrede, dass Luther es ge- 
wesen sei, dem er seine Förderung in der christlichen Erkenntnis 
verdanke. Andere, von ihm billigermasscn verehrte Männer, hätten, 
sagt er, den Kern des Evangeliums klarer erkannt gehabt, 
als er selbst und Luther. Wie könnten diese Männer es 
durch Luther gelernt haben? „Es sind nämlich gewisse Männer" 
— Zwingli nennt ihre Namen nicht — deren Freundschaft uns 
in dieser Sache zur Förderung und zum Sporn gereicht hat"*-) 
und er wiederholt damit lediglich eine Angabe, die er bereits in 
den Jahren 1521 und 1528 (also vor dem Zerwürfnis mit der 
Brüderschaft) in ähnlicher Weise gemacht hatte 8 ). Danach hatte 
er „vor und ehe noch ein Mensch in unsern Gegenden etwas 
von Luthers Namen wusste, angehebt das Evangelium Christi zu 
predigen im Jahre 1516". Es ist um so weniger erlaubt, die W ahr- 
heit dieser Aussagen zu bezweifeln, als zwei gewichtige Zeugen, 
Capito und Mvconius, dieselben in vollem Umfang bestätigen 1 ). 

') Egli, Akteiisammlung zur Geschichte den- Züricher Reformation. 
Zürich 187», I. Hälfte Nr. 233. 
'-') Zwingiii Opp. III. 543. 

• r i Opp. I, ]». 2")3. In der „Auslegung der Schlußreden" (1523) und 
in einer Zuschrift an Haller vom 20. Dezember 1521, wo er sagt, er habe 
schon ve>r fünf Jahren diu* Werk des Evangeliums angefangen (Opp. VII, 18ti). 
Wie kommt es, dass Zwingli die Namen der Männer, die uns doch sehr 
interessieren würden, verschweigt? Wenn darunter keine „Ketzer' waren 
(was ja immerhin möglich ist), so kann man den Grund dieser Hcimlieh- 
thuerei schwer einsehen. 

4 j Capito schreibt im Jahre 1 53(J an Heinr, Uuliinger: „Ehe Luther 
ans Licht getaucht war, verhandelten wir, Zwingli und ich, schon unter uns 
über die Absetzung des Paktes, sogar schon, als jener noch in Einsiedeln 
lebt«." iHottinger, Hist. eecl. novi Test. VI, 207.) — Myconius sagt, 
dass Zwingli schon in Glarus „die Guadc des Evangeliums verkündigt habe'*. 
(Vita l'lr. Zwingiii in den Vitae «piatluor lief. Bend. 1K-1I, S. <i.l 



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2<i 



Keller, 



Wenige Wochen nach jenem Liebesmahle in der Fastenzeit, 
bei dein Zwingli sieh weigerte, Fleisch zu essen, hatte der Vertreter 
der Züricher Brüderschaft nebst dreiunddieissig Abgeord- 
neten gleicher Brüderschaften eine Versammlung auf dem 
„Lindenhofe". Es gab also eine grössere Anzahl „Ketzerschulen" in 
der Schweiz und es wäre der Mühe wert, sie aus dem Dunkel, in 
das sie sich gehüllt haben, hervorzuziehen. Gegenstand der He- 
ratungen waren Briefe, die aus Constanz gekommen waren, „die 
wollten sie (heisst es in den Akten) hören und sehen, ob sie die 
halten müssten, oder ob sie anders thun müssten, denn ihr 
Leutpriester ') predige" 2 ). 

Aus diesen Thatsaehen erhellt deutlieh, dass hinter den ein- 
zelnen „Schulen" eiog Organisation stand — man nannte diese Art 
von Synoden Schenken oder Kapitels- Versammlungen — , deren 
geistige Führer ihre eignen Wege gingen, und die die Leitung der 
einzelnen Brüderschaften keineswegs den Theologen, die sieh jetzt 
in grösserer Zahl den Brüdern näherten, überlassen wollten. 

An die Stelle Joh. Kesslers in St. Gallen trat der Freund 
Hochrütiners, Wolfgang Ulhnann, der Sohn des Zunftmeisters 
Andreas Ulimann, der bis dahin mit Jörg Blauroek im St. Lucius- 
Kloster zu Chur Mönch gewesen war, in Chur, wo bis 1522 
auch Andreas auf der Stülzen gewirkt hatte. Unter Ulimanns 
Leitung nahm die Brüderschaft in St. Gallen derartig an Mit- 
gliedern zu, dass der Hat zur Hergabe der St. Lorenzkirche ge- 
zwungen werden konnte. Dies geschah aber nicht, ohne dass die 
zwinglisehe Richtung der Evangelisehen, die inzwischen Johann 
Kessler für sich gewonnen hatte, ihrerseits einen Erfolg erzielte: 
ein Freund Kesslere und Zwingiis, Leo Judä, wurde zeitweilig 
nach St. Gallen berufen und Ulimann verlies« vorläufig die Stadt, 
um mit den Brüdern in Zürich Beratungen über die weiteren 
Sehritte zu pflegen. Dies geschah in der ersten Hälfte des Jahres 
1 523, wo unter den Einwirkungen der grossen religiösen Bewegung 
eine neue Epoche in der Geschichte der älteren Brüderschaften 
begann. 

') Wer der Ixmtprieister war, wird nieht gesagt. Die Meinungsver- 
schiedenheiten zwischen Zwingli und den Brüdern nahinen damals ihren 
Anfang. 

? ) Egli, Aktensammlung Nr. 24»i S. S2. Zu dieser ganzen Sarhe 
i*. die weiteren Nachrichten bei Keller, Die Kefurumtion, 8. :{<37 u. 4(10. 



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Die Anfang«' der Reformation und die Ketzcrschulen. 27 

Man würde fehlgehen in der Annahme, dass etwa nur in 
der Schweiz solche Schulen oder Ketzcrschulen, d. h. Brüder- 
schaften, deren einendes Band gemeinsame religiöse Überzeugungen 
bildeten, existiert hätten. Eben solche „Synagogen" begegnen uns 
im Jahre 1523 am Niederrhein. In einer derselben, der Schule 
zu Büderich, fanden gemeinsame Andachten unter Leitung von 
Adolf Ciarenbach und Heinr. Kloppriss statt, die uns in 
den Chroniken der „Taufer" später als Märtyrer begegnen 

Ks ist an sich merkwürdig genug, dass die Namen Synagoge, 
Judenschule, Schule oder Ketzerschule, die das ganze Mittelalter 
hindurch zur Bezeichnung der religiösen Sondergemeinden der 
„Waldenser" u. s. w. dienten 2 ), zunächst in Zürich dann aber auch 
anderwärts seit 1522 in den Akten zur Bezeichnung derselben 
Gemeinschaft auftauchen 3 ), die zwei Jahre später in ihrem Schoss 

') Wir lassen hier die Bewegungen der „Brüder" in Sachsen, welche 
unter sieh die Spättaufc nicht einführten und daher in dem gebräuchlichen 
Sinne des Wortes keine „Wiedertäufer" waren, unberücksichtigt. Dass aber 
auch die mitteldeutschen „Ketzerschulen" damals wieder an die Öffentlich- 
keit traten, beweist U.A. die Schrift von Nie. Storch, der selbst Apostel 
und Wanderprediger war: „(N. Storch) Ein tzeytt lang geschwigner christ- 
licher Bruder, den Christus widerumb vermandt hat. Zwickau, Gaste! 1524. 
4". Bl. A.'— F."' (Ein Exemplar in der Bibliothek der taufgesinnten Ge- 
meinde in Amsterdam.) 

'') In dem Prostess gegen die Waldenser von 1387/88 (s. Döllinger, 
Beiträge zur Scktcngesch. II, 251 ff.) finden eich viele Belege. Bei Dollin- 
ger II, 25"» steht: Bis fuit in synagoga in loco Avigliae .... In illa 
synagoga praedieavit die etc. — Nach W. Preger, Beiträge z. Gesch. d. 
Wald, in den Abhdlg. der K. B. Akad. der Wiss. XIII, 241 berichten die 
Quellen , dass es damals 42 „Schulen" der Waldenser in Osterreich gab. — 
In dem Schreiben des Krzbischofs Siegfried von Mainz von 1234 über die 
Armen von Lyon erscheint mehrfach der Ausdruck „Schulen". He feie, 
Goneilien-Gesch. V, 1025. — Sehr merkwürdig ist in mehrfacher Beziehung 
folgende Stelle bei Mansi, Goncilia Genminiae, P. XXTIT, p. 241: Anno 
Domini 1231 in ipsa civitate Treviri tres esse Scholas haeretieorum (es gab 
damals Waldenser in Trier) deprehensuni. Et plures erant eortun sectae et 
multi com in instrueti erant scripturis sanetis, quas habebant in Theu- 
tonicum translatas. Et alil qiiidem baptisma Iterabant, alii corpus 
Domini non ciedebant etc. 

3 ) S. Egli, Akten-Sammlung zur Geseh. d. Züricher Kef. IST!» I, 
S. 85: Glaus Hottinger dick: An der Uffart abent (1522) nächst verschienen 
. . . sigend iro etliche an sin hus kommen (und hettindl . . . gesprochen: 
du, tfifc! Hottinger, stand uf! iiiinin dine Ketzer mit <lir und gond in 
diu Ketzcischuol". Es wurde zur Verhöhnung der Ketzer dann das 



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28 



Koller, 



die Übung der Spättaufc einführte!) und dass von da an weit 
und breit, bis tief in das 10. Jahrhundert hinein, gerade diejenigen 
religiösen Gemeinden in gewissen Kreisen Synagogen u. s. w. 
heissen, die von der gelehrten Streittheologie und den Inquisitoren 
„Täufer" oder „Wiedertäufer" genannt werden 1 ). 

Auch in Basel begegnen uns um 1522 Brüderschaften, die 
einen religiösen Charakter trugen, z. B. die „Himmlische Brüder- 
schaft", deren Satzungen uns in einer Aufzeichnung von Capitos 
Hand erhalten sind und die Brüder und Schwestern umfasste-). 

Wichtiger aber ist der Umstand, das« die sog. Kapitel, die 
unter den Waldensern seit dem Anfang des 14. «Jahrhunderts nach- 
weisbar sind 3 ), unter eben diesem Namen auch um das Jahr 1524 
unter den Brüdern in der Schweiz und in den angrenzenden 
Ländern vorkommen. Wir besitzen eine Einladung (vom 11. Juni 
1524) die Dr. Baltasar Hubmeier von Waldshut an seine 
„Kapitclbrüder" zu einer Versammlung erlassen hat, deren Zweck 
es war, dafür zu sorgen, dass in „Weidung der christlichen Schäf- 
lein nach Inhalt des göttlichen Wortes einhellig fortgefahren werde". 
Vor Zeiten, fährt Hubmeier fort, habe man diese Versammlungen 
Syuoden genannt, jetzt aber würden sie Kapitel oder Bruder- 
schaften geheissen '), Eine gleiche Kapitelsversammlung hatte 
nach Hubmeiers Zeugnis im Jahre 1522 in Basel stattgefunden. 



„.Tudenlied" gelungen. Vgl. über diene Schule Egli, Die Züricher Wieder- 
täufer, S. 15. Auch in der Schrift „Vernum nng hruder Conrads .... vor 
der Böhemschen Ketzerei" löiM spricht der Verfasser (Bl. F. 4) von den 
„Synagogen der Ketzer". Die Schrift ist gegen die „Brüder" in Strasburg 
gerichtet. 

') In dem Bericht des Amtmanns zu Neuenkirchen im Bistum Mün- 
ster vom 2. August 1537 über die dortigen Täufer heisst es, dass die 
„Wiedertäufer" in dem Hause eines ihrer Brüder „ihre Synagoge" halten. 
(Akten des Staatsarchivs zu Münster, M. L. A. 518/11» Vol. IX fol. 3!)8.) 
Nach amtlichen Nachrichten au« dem Juli 154<> pflegte der Anhänger der 
David-Joristen zu Groningen, Sewcrt Klcrk, daselbst in der Kirche zum 
hl. Geist „Sehole tholdcn" (A. Ü. O. Vol. X fol. 174l. - In den Visitations- 
Akten des Herzogtums Jülich von 1533 kehrt derselbe Name zur Bezeichnung 
der Gemeinde -Gottesdienste mehrfach wieder (Staatsarchiv Düsseldorf Jül. 
Berg L. A. Abth. IV. c. 0 f. 78). — Ähnliche Belege liessen sich zahlreich 
beibringen. 

Keller, Die Reformation. S. 375. 

:i l Herzog, Die romanischen Wald.-nser. Hall.- IS53, S. 273. 

') Keller, a. (>. S. 37» !. 



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Die Anfänge der Reformation «ml «lic Kotzersrhuleu. 



2*» 



Die Gleichstellung des Wortes Kapitel mit der Bezeichnung Synode 
erklärt den Begriff des Ausdrucks auf das bestimmteste; nur 
irrt Hubmeier, der aus der römischen Kirche hervorgegangen 
war, darin, dass unter den Brüdern der Ausdruck Synode früher 
in überwiegendem Gebrauch gewesen sei; die Bezeichnung Kapitel 
für Synode ist unter den sog. Waldensern uralt. 

Bemerkt zu werden verdient, dass an den Versammlungen 
der Brüder, die im Jahre 1522 zu Basel stattfanden, auch Konrad 
Giebel teilgenommen hat. 



H. 

Die „Ketzerschulen", die um den Beginn der grossen reli- 
giösen Bewegung aus dem Dunkel, mit dem sie sich bis dahin 
umgeben hatten, hervortreten, besassen ihre vornehmste Stütze in 
den Zünften und Gewerken, und die Formen und Ordnungen 
der letzteren waren es, die ihnen vielfach die Verhüllung ihrer 
Existenz ermöglichten. 

Wenn man nun die Geschichte und die Verfassung der 
Zünfte in jenen Jahrhunderten näher betrachtet, so begegnen uns 
im Zusammenhang mit ihnen ausser jenen „Schulen" noch andere 
Organisationen, nämlich sog. Societäten (Sodulitaten) und 
Brüderschaften, die ebenso wie jene ihr Absehen auf geistige 
Dinge gerichtet hatten» 

Innerhalb mancher Zünfte und gerade innerhalb der vor- 
nehmeren, wie der Bildhauer, Maler, Goldschmiede u. s. w., gab es 
engere Vereinigungen von Meistern , die es sich zur Aufgabe 
machten, fortgeschrittene Genossen in die Kunst- und Hand- 
w e r k sg e h e i m n i s s e einzuführen. 

Sowohl die Bauhütten wie das zünftige Handwerk besassen 
eine Reihe technischer Geheimnisse, die keinem andern, als ver- 
trauenswerten Genossen überliefert wurden. Als Mittelpunkt aller 
genannten Künste galt das Studium der „Geometrie" und selbst 
die Maler genossen noch im IG. Jahrhundert den Unterricht solcher 
Meister, die in der Geometrie, d. h. den mathematischen Wissen- 
schaften, erfahren waren. 



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30 



KclW, 



Diese Societäten, die im Besitz der Kunstgeheimnissc und 
der dazu erforderlichen mathematischen Kenntnisse waren, be- 
gegnen uns frühzeitig unter dem Namen von Akademien, einer 
Bezeichnung, die die Unterweisungszwecke der Societäten andeutete 
und im Sinne der Eingeweihten auch eine tiefere Bedeutung und 
eine Hinweisung auf die neuplatonische Philosophie in sieh schloss. 

Da alle Wissenschaften unter starker Bevormundung der 
Kirche standen und namentlich die mathematisch-physikalischen 
Wissensgebiete sich von dieser Seite her keiner Bevorzugung er- 
freuten, so boten die Zunftstuben den Vertretern der letzteren 
einen erwünschten Rückhalt, und es war für die „Akademien" 
nicht schwer, auch solche Männer in ihr Interesse zu ziehen, die 
das Handwerk nicht selber ausübten. So geschah es, dass überall 
in den Stuben der vornehmeren Zünfte zahlreiche „Liebhaber des 
Handwerks" sassen, und dass Gelehrte, Arzte, Stadtechreibcr, 
Schulmeister u. s. w., besonders soweit 6ie Söhne von Handwerkern 
waren, in den Verband der Werkbrüderschaften eintraten. 

Ausserordentlich gross und mannigfaltig ist die Masse der 
„Brüderschaften", die uns in den letzten Jahrhunderten des Mittel- 
alters begegnen und die zum grossen Teil rein geistlich und 
lediglich Versicherungsanstalten für das Seelenheil waren. Aber 
ebenso wie die herrschende Kirche diese Brüderschaften, die sie 
mit Hülfe der Orden leitete, dazu benutzte, um durch Ein- 
brüderung von Fürsten, Kanzlern, Räten u. s. w. ihren Einfluss 
zu erweitern — der kurfürstl. sächsische Rat Degenhard Pf effinger 
gehörte 35 Brüderschaften an — , ebenso benutzten diejenigen 
Mächte, die sich unabhängig von diesen. Strömungen zu erhalten 
wünschten, die gleichen Organisationen zu verwandten Zwecken, 
und so wurden diese Societäten und Fraternitäten hier wie dort 
zu Genossenschaften geistesverwandter Männer, die ge- 
zwungen waren, zu grösseren geistigen Bewegungen ihrer Zeit in 
diesem oder jenem Sinn Stellung zu nehmen. 

Bei der scharfen Aufsicht, die die Kirche allen Lebens- 
äusserungen angcdeihen Hess, die auch nur entfernt mit Kirche 
und Religion zusammenhingen, hatten jene Akademien ein dringen- 
des Interesse daran, keinerlei Argwohn gegen sich zu erregen. 
Sie versichern nachdrücklich (und vielfach der Wahrheit gemäss), 
dass sie als solche sich nicht mit religiösen Dingen beschäftigen; 
nicht so bestimmt aber lehnen sie die Pflege der „Philosophie" 



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Die Anfänge der Reformation und die Ketzrrsehulrn. 31 



ab, ja gelegentlich nennen sie sieh sogar Anhänger der plato- 
nischen Philosophie. 

Ks gehört zu den Kennzeichen dieser Körperschaften, dass 
sie, ebenso wie die „Ketzerschulen", als solche wenig an die 
Öffentlichkeit traten. „In diesen Sodalitäten", sagt Aschbach, 
„wurden keine eigentlichen Statuten gegeben, aber der Verein 
sollte nach gewissen Grundsätzen geleitet werden, die mehr ange- 
deutet, als klar vorgezeichnet waren. Absichtlich hüllte man 
das Wesen der Gesellschaft in das Geheimnisvolle. 4 ' ') 
Ks war eine stille Verbrüderung, äusserlich möglichst wenig in 
die Augen fallend, aber im Stillen weite Kreise auch solcher 
Personen mit ihrem Einfluss umspannend, die nicht innerhalb der 
Brüderschaft standen und deren letzte Ziele keineswegs zu den 
ihrigen machten. 

Sehr bezeichnend für das Bemühen, das Wesen der Socie- 
täteu nicht bestimmt zu bezeichnen, sind die wechselnden 
Namen, die diese Körperschaften und ihre Glieder sich selbst 
gaben. Es überwiegt der Gebrauch völlig farbloser Namen wie 
„Deutsche Socictät", „Rheinische Socictät", „Donau-Gesellschaft", 
„Lilien-Gesellschaft" u. s. w. oder die Nennung nach einem ange- 
sehenen Wortführer, die aber seltener ist. 

Als Ganzes nennen sich die Angehörigen möglichst unbe- 
stimmt Poeten, Philosophen, Platoniker, auch Lateiner 
und gebrauchen damit Namen, die sich ebensowohl auf Mitglieder, 
wie auf Aussenstehende anwenden Hessen. 

Auch der Name Akademien, der seit der Verhaftung der 
Mitglieder der „Akademie" in Horn (1408) und seit anderen 
Zwischenfällen den Beigeschinack des Verdächtigen bekommen 
hatte, ward mehr im Kreise der Eingeweihten gebraucht und an 
seine Stelle traten harmlose und vieldeutige Namen, wie Gymna- 
sium oder Museum u. s. w. 

Soweit die Brüderschaften, deren Mitglieder sich in den 
Akademien zusammenfanden, eine öffentliche Wirksamkeit für 
möglich hielten, waren die Bestrebungen, zu denen sie sich be- 
kannten, zwar ein Ausfluss allgemeiner Grundsätze und Anschau- 
ungen, die unter ihnen lebten, aber sie dienten doch meist nur 
mittelbar den höchsten Zielen und waren sogar vielfach nur das 



') .Whluu-h, Die früheren Wanderjahie den (Altes. ]Sii!>. S. Itl. 



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32 



Keller, 



Kleid, das bestimmt war, die religiös-philosophische Weltanschau- 
ung, die sie vertraten, ebenso den Augen übermächtiger Gegner, 
wie den Blicken des unreifen Pöbels zu entziehen. Rohheit und 
Blindheit der Menschen zwangen ihnen ein Verhalten auf, das 
viele Mitglieder als eine drückende Last empfanden, ohne dass 
sie im Stande gewesen waren, es zu ändern. Ein sehr angesehenes 
Mitglied der „Akademien" des 17. Jahrhunderts (die eine un- 
mittelbare Fortsetzung der älteren Akademien waren) bestätigt 
ausdrücklich diese ihn tief betrübende Zwangslage, indem er be- 
richtet, dass seine Auffassung der Lehre Christi überall, wo er 
versucht habe, ihr auf offenem Wege nützlich zu sein, auf llass 
und Misstrauen gestossen sei, so dass er die Notwendigkeit be- 
griffen habe, die blinden und kurzsichtigen Menschen auf anderen 
Wegen zu höheren Entwicklungsstufen zu leiten. 

Alle Einsichtigeren unter den Mitgliedern wünschten die 
Entfesselung der religiösen Leidenschaften und die gewaltsamen 
Kämpfe, die den Ausbruch des kirchlichen Fanatismus zu be- 
gleiten pflegen, soweit irgend thunlich, vermieden zu sehen; sie 
scheuten sich, ihre heiligsten Überzeugungen den Kämpfen der 
Strasse auszusetzen und hofften vielmehr, die Menschen auf dem 
Wege der Erziehung und der Freiwilligkeit allmählich zu 
reineren Auffassungen zu führen. Auf diese gegenseitige Er- 
ziehung war ihr ganzes Streben und vor Allem auch die 
Organisation, die sie besassen, gerichtet, und gerade in der Ver- 
fassung und den Formen ihrer Vereinigung rnussten sie daher das 
notwendigste und wichtigste Stück ihres Gemeinschaftslebens er- 
blicken. 

Ihr Streben war darauf gerichtet, mit Hülfe der Organisation, 
die sie verband, das geistige Leben der Nation ihrem Einfluss 
zu unterwerfen, und die Geschichte Deutschlands und Italiens im 
Zeitalter des Humanismus beweist, was ein weitverzweigter Bund 
gleichgesinnter Männer zu leisten im Stande ist. Kein geringerer 
als Philipp Melanchthon hat seit dem Ausbruch der Religions- 
käuipfe seine Sehnsucht nach dem „goldenen Zeitalter" (wie er 
es nannte) ausgesprochen, das vor der Entfesselung des Religions- 
hasses während der Zeit von 140U bis 1525 vorhanden war ') 



') Vgl. den Nachweis Martfelders im Historischen Taschenbuch 18S8, 

S. 231 i. 



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Die Anfänge der Reformation und die Kctzerschuleu. 



38 



und Sebastian Franck bezeugt, dass die politische und religiöse 
Freiheit zur Zeit der Vorherrschaft des Humanismus grösser ge- 
wesen ist, als später, wo diese Herrschaft an die Vertreter der 
römischen und protestantischen Kirchen überging und die Huma- 
nisten das Schicksal der alten Brüdergemeinden teilten. 

Die innere Verwandtschaft beider Richtuugen tritt in merk- 
würdiger Weise gerade in dem wichtigsten Punkte, in der Orga- 
nisation und Verfassung, zu tage. 

Die Gemeindeverfassung der älteren Evangelischen baute 
sich in drei Stufen auf, in dem sie einen Grad der Anfangen- 
den (Incipientcs), der Fortschreitenden (Proficientes) und der 
Fertigen (Perfecti) kannte 1 ). Der höchste Grad umfasste die 
Inhaber der Geheimnisse, die Apostel, die Lehrer und Priester, der 
zweite die Masse der Gemeinde, die Brüder und Schwestern, der 
dritte die Lernenden und zur Aufnahme Angemeldeten. 

Ebenso gab es innerhalb der Akademien drei Stufen; die 
Mitglieder des ersten Grades waren die Vorsteher und die „Ge- 
setzgeber", welche die Satzungen bewahrten und ausführten, die 
des zweiten Grades waren die Brüder, welche bei dem feierlichen 
Akt der Aufnahme einen Brudernamen erhalten hatten, und die 
des dritten waren die Anhänger, die sich in die Listen als An- 
gemeldete hatten eintragen lassen' 2 ). 

Diese Organisation ermöglichte die Mitwirkung verschieden 
gerichteter Männer und gestattete den Führern, nur denjenigen 
Personen Einfluss einzuräumen, denen sie volles Vertrauen schen- 
ken konnten. 

Papst Paul II. (1464 — 1471) Hess im Jahre 146(> eine 
„Ketzerschule" — man nannte sie Fratizcllcn — , die in Poli ent- 
deckt war, aufheben und den Mitgliedern im folgenden Jahr den 
Prozess machen. Dabei stellte es sich heraus, dass die Anhänger 



l ) Näheres bei Müller, Die Gemeindeverfassung der böhm. Brüder, 
in den M.H. der CG. 1SÜÜ, S. 142 ff. Vgl. auch M.II. 1895, S. 207. 

') Vgl. Firmin -Didot , Aide Manucc. Paris 1875, S. 151. Danach 
gab es drei Kreise innerhalb der Akademie des Aldus in Venedig: 1. die 
eigentlichen Mitglieder, 2. die rjttdr^ovvTtf riji 'AxadijfUa; , ovöfiaxt fioror 
.yooaayüfievoi, 3. oi autijs fjo/u-ro«. — Aldus hatte die überkommene Organi- 
sation den Bedürfnissen und Verhältnissen seiner Offizin, in deren Dienst 
die Mitglieder standen , angepa&st. Im wesentlichen ist es aber die alte 
Verfassung, die uns hier und anderwärts entgegentritt, 

3 



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■u 



Keller, 



dieser Sekte nicht allein in der Mark von Ancona und in der 
Campagna, sondern auch in Rom selbst Beziehungen besassen. 
Kurze Zeit naeh dieser Entdeckung, im Februar 1468, wurden 
Pomponius Laetus, Callimachus und andere Führer einer 
Brüderschaft in Rom verhaftet, die sieh angeblich der „Poesie" 
widmeten, die die Kurie aber ebenfalls für eine „Ketzerschule" 
hielt und als solche zu behandeln beschloss. Der Gesandte von 
Mailand, Joh. Blanchus, berichtet unter dem 29. Februar 1408 an 
seinen Herzog, der Papst lege der Entdeckung grosses Gewicht 
bei und sei entschlossen, diese „Häresie", von der er früher 
keine Kenntnis gehabt habe, auszurotten; Paul II. habe die Ver- 
mutung ausgesprochen, dass Podiebrad, der hussitische König von 
Böhmen, die Hand im Spiele habe 1 ). 

Wir können hier die eigentümlichen Formen dieser Brüder- 
schaft, die sich eine Akademie nannte, nicht näher erörtern; 
sicher ist nur, dass die Mitglieder sich keineswegs bloss mit den 
Dichtungen und Schriften der Alten, sondern auch mit Philosophie 
beschäftigten, und dass sie gewiss«' Bräuche übten, die religiösen 
Formen ähnlich sahen. 

Mit Pomponius Laetus (desseti Mitgenosse Callimachus sich 
der Verhaftung durch die Flucht nach Krakau entzogen hatte) 
war nun Konrad Geltes aus Wipfeld in Franken befreundet, und 
es ist überliefert, dass Laetus und Callimachus diesen zur Stif- 
tung ähnlicher Societäten in Deutschland ermuntert haben. 

Wir dürfen hier als bekannt voraussetzen, dass Ccltes dieser 
Aufforderung nachgekommen ist, und dass bald eine grössere An- 
zahl solcher Akademien in Deutsehland an das Licht traten, die 
sich der Dichtkunst hingaben, die Schriftwerke der Griechen und 
Römer neu herausgaben, daneben aber auch die Pflege des deut- 
schen Altertums in Sprache und Geschichte nicht vergassen 2 ) und 
sich selbst Poeten nannten. 

') Pastor, Gesch. der Päpste II, (1880) 205 u. «42. 

■) Man hat die humanistischen Studien dieser Kreise bisher allzusehr 
in den Vordergrund gestellt und darüber die starke Betonung der Volks- 
sprachen durch die Humanisten fast übersehen. Beitel sammelt deutsche 
Volkslieder und Sprüchwörter, Beatus Rhenanus bringt Proben aus Otfrieds 
Christ und sein Schüler Lazius entdeckt das Nibelungenlied u. s. w. Die 
Sache bedürfte einer näheren Untersuchung. Auch die Erziehungslohrc 
bildete «Jen Gegenstand ihrer lwsonderen Aufmerksamkeit. Im Znsammen- 
hang damit hiesaen sie vielfach „Poeten und Grammatiker". 



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Die Anfänge der Reformation und die Ketzerm-hulen. 



35 



Dabei aber verdient es besondere Beachtung, dass es zwar 
Mitglieder gab, die keine Poeten waren, aber sehr wenige 
„Poeten", die nicht zugleich irgend ein Gebiet der exakten oder 
mathematischen Wissenschaften (Astronomie oder Astrologie, 
Kosmographie, Geographie, auch Alehvmie u. s. w.) betrieben, und 
dass unter diesen Poeten und Gelehrten auch angesehene Buch- 
drucker, Maler, Bildhauer u. s. w. erscheinen. 

Die Erfindung der Buchdruekerkunst , die den Kreisen der 
Werkleute entstammte, legte ein Kampfmittel von ausserordent- 
licher Bedeutung in die Hände der Männer, die diese Erfindung 
zuerst für ihre Ziele zu verwerten wussten ') und mit einem Schlage 
verschob dies Ereignis die Lage der kämpfenden geistigen Mächte 
ausserordentlich zum Vorteil der Poeten und ihrer Kampfge- 
nossen, der Gewerke. 

Überall in den grossen Städten wurden die Offizinen der 
Druckereien gleichsam die Hauptquartiere der kämpfenden Zunft- 
genossen; hier fand sich der geistige Generalstab von Gelehrten, 
Korrektoren und Kunstlern (Illustratoren) zusammen, die unter 
der Leitung der Geschäftsinhaber und ihrer Freunde nicht bloss 
Pläne für neue litterarische Unternehmungen, sondern auch für 
die Losung anderer wichtiger Prägen entwarfen, ohne freilich als 
Körperschaft handelnd in den Lauf der Dinge einzugreifen 2 ). 



l ) Der Augustiner-Ordens-Provinzial Konrad Tregor konnte nach »ei- 
nem eignen Zeugnis für seine „Vermanung . . . vor der Bohemschen Ketzerei" 
längere Zeit keinen Drucker finden (1524 t. Die Anhänger dieser Ketzerei 
hätten es dahin gebracht, klagt er. „das wenig Trucker gefunden werdent. 
die das (was) inen zu wider trocken wöllent oder dörffent". Das bezeichnet 
doch zugleich den engen Zusammenhalt der Gewerke. 

Es ist bekannt, daas Aldus Manutius zu Venedig in seinem Hause 
eine Akademie gestiftet hatte. Ebensolche Akademien begegnen uns in 
Deutschland, wo z. B. der Buchdrucker Thomas Anshelm nach gleichzeitigen 
Zeugnissen eine solche in seinem Hause hesa&s. Fr. Irenicus, Exegesis Ger- 
maniac. Hagenau 1518 fol. XLV sagt: Hagenoam Joannes ille Secerius 
(Setzer) Lauchensis , Academiae Anshelmianae praeses, Selestadiam 
Sapidus, Jacobus Spiegel, B&sileam Amorbachii graecitate illustrarunt. (Vgl. 
Centraiblatt f. Bibl.-VVesen IX. Jahrg. 1892, S. 301.) Anshelm war unter der 
älteren Generation der deutschen Buchdrucker einer der bedeutendsten und 
er hatte es stets verstanden, junge Gelehrte von Bildung und Kenntnissen 
an sein Geschäft zu fesseln. Er hatte seit 1488 in Strassburg und seit 1500 zu 
Pforzheim gedruckt. Von 1511 an wirkte er in Tübingen, wo u. A. Philipp 
Melau cht hon in seiner Offizin Korrektor war. In Basel waren die Häuser 



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I 



3« Keller, 

Wie Papst Paul II. im Jahre 1468 zwischen der römischen 
„Akademie" und den böhmischen Ketzern Zusammenhänge an- 
nehmen zu müssen glaubte, so war auch der deutsche Klerus bald 
davon überzeugt, dass die Ponten Ketzer seien, und ein ange- 
sehenes Mitglied der deutschen Soeietäten, Konrad Mutian, sah 
sich im Jahre 1513 genötigt, zu erklären, dass es ein unbilliges 
Verfahren sei, wenn die Gegner „die Sc haaren der Poeten mit 
dem Makel der Ketzerei ohne Unterschied behaften" '). 

Hierin hatte Mutian unzweifelhaft Recht. Es ist gar nicht 
daran zu denken, dass alle Mitglieder der Akademien, geschweige 
denn alle „Poeten", kirchlich anfechtbare Glaubensanschauungen 
hegten und es lässt sich vielmehr nachweisen, dass viele hierher 
zu rechnende Männer entweder rechtgläubig oder kirchlich und 
religiös gleichgültig waren, und man kann ruhig einräumen, dass 
litterarische und wissenschaftliche Neigungen für Viele das einzige 
Hand waren, was sie mit den Bestrebungen der Sodalitäten ver- 
band. Aber ebenso unzweifelhaft ist es, dass trotz absichtlicher 
Verhüllungen, die wir hier stets in Rechnung ziehen müssen, 
zwischen den Führern der Poeten und den Ketzerschulen viele 
innere und manche äussere Beziehungen vorhanden waren. Wenn 
Papst Paul II. um das Jahr 1470 erklärte, dass er die „Poeten" 
und die „Astrologen" als seine gefährlichsten Gegner betrachte 
und wenn der Nuntius Aleander im Jahre 1520 dasselbe Urteil 
wiederholte, *o inuss jede unbefangene Gesehichtschreibung zu- 
gestehen, dass heule Männer die Sachlage 1 durchaus richtig be- 
urteilten *). 



der Buchdrucker wie Frohen, Cratander, t'urio u. s. w. die Mittelpunkte der 

Modalitäten. Daher stammt der Vers in den Dunkelmiinnerbricfen : 

Sed in domo Frohen ii 
Sunt multi pravi haeretici. 

') Mutian an Musardus am 15. Januar 15i:{: „De doctis ferunt (seil, 
die Gegner) sententiam oppido quam iniquam, poetarum gregem haeresoos 
nota sine discrimiiie maeulantcs." (Krause, Briefwechsel des Mutian, 

8. 273.) 

? ) Aleander zählt zu den schlimmsten Gegnern des Papstes in Deutsch- 
land neben Anderen „die mürrische Sippschaft der Grammatiker und Poeten", 
von denen „angeblich ganz Deutschland wimmelt". S. Schriften d. Verein.« 
f. Kuf. -Gesch. XVII, JJt. 



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Die Anfange der Reformation und die Ketzerschulcn. 



:*7 



Die Ketzerschulcn, wie sie uns um 1524 zu Worms, Augs- 
bing, St. Gallen, Zürich n. s. w. als „evangelische Brüderschaften" 
im Kampf mit den „neuen Evangelisehen" und deren Predigern 
begegnen, besnssen damals vielerlei Besonderheiten, die sie von 
den weltlichen Sodulitiitcn trotz der gemeinsamen Anlehnung an 
die Zunftstuben wesentlich unterschieden. Selbst viele Eingeweihte 
unter den „Poeten" und „Astrologen", die vielleicht der Glaubens- 
fiber/eugung der altevangelischen Gemeinden näher standen, wichen 
in den Ansichten über die Art des Vorgehens und über manche 
andere Frage von den Gesinnungsgenossen ab. Gleichwohl ist es 
erwiesen, dass um 1524 angesehene Mitglieder der Ketzerschulen 
zugleich Angehörige der Akademien und Sodalitaten waren, und 
dass die Scheidung der Wege sich erst spater vollzog 1 ). 

Die Ketzersehulen hatten bisher mit den Mannern, deren theo- 
logischer Führung sie sieh anvertraut hatten, wenig Glück gehabt. 
Einige, wie Joh. Kessler in St. Gallen, Ulrich Zwingli in Zürich, 
Joh. Oeeolampad in Basel, Martin Bucer in Strassburg waren all- 
mählich zur Prädikantenpartei übergegangen ; andere hatten durch 
ihre, innere Haltlosigkeit die Sache der Brüder auf das schwerste 
geschädigt. Im Jahre 1524 aber trat ein Mann in den Vorder- 
grund, in dem sie einen hervorragenden Wortführer und Vertreter 
gewinnen sollten, Johann Denek, ein Freund und Schützling 
Bernhard Adelmanns 2 ) und Mitglied der Sodalitat der Poeten, der 
dieser selbst und viele andere gelehrte Männer angehörten 3 ). 

» l ) Indessen hat der Gegensatz zwischen dem sog. Anabaptismus und 

den Humanisten niemals die Schärfe erlangt, wie zwischen den Lutheranern 
und den letzteren. Bezeichnend ist in dieser Beziehung die Stellung der 
leiden Parteien zu Erasmus. Ine Haltung «Ich Erasmus war den „Täufern" 
aller Schattirungen ebensowenig sympathisch, wie Luther und den Luthe- 
ranern. Aber die Chroniken der „Täufer", die durchschnittlich die strengste 
Richtung der letzteren (die nachmals im engeren Sinne sog. Wiedertäufer) 
vertreten, sprechen mit hoher Achtung von Erasmus, bezeichnen ihn neben 
Luther und Zwingli als Anfänger der religiösen Bewegung und nennen ihn 
„eine Zier deutscher Nation". (Beek, Geschichtsbücher der Wiedertäufer, 
S. 12 Anm. 2.) 

•I Bei Horawilz u. Hartfelder, Briefwechsel des Beatus Rhcuaniis, 
S. 211, findet sich in einem Brief vom 1. März 1520 folgende Stelle: „Salvtun 
sit sodalitium patrium. Httjus Augustanae aedis haud incelebris 
nominis canonicum D. Bemardus Adel man etc. — Valete et trium- 
phate, barbariei victores iiielyti." 

Näheres iiW diese Mitgliedschaft Docks bei Keller, Stuupitz.S. 208. 



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UK Keller, 

Dcnek war um das Jahr 1495 zu Heybach (jetzt Habach) 
bei Hugelfing in Oberbeuern geboren und hatte sich am 29. Okt 
1517 in Ingolstadt immatrikulieren lassen, wo er bis zum Jahre 
1519 geblieben war. Wir wissen nicht, wo er seine Vorbildung 
erhalten hat, doch ist es höchst wahrscheinlich, dass er Schüler 
der Lateinschule zu Augsburg gewesen ist. Seit dem Jahre 1522 
begegnen wir ihm als Korrektor in den Buchdrucker- Offizinen 
des Cratander und später des Curio in Basel, wo er manche 
wertvolle persönliche Beziehung anknüpfte. Seit 1523 als Rektor 
der berühmten Sebaldus-Schule nach Nürnberg berufen, ward er 
alsbald in die religiösen Kämpfe, die damals dort ausbrachen, 
verwickelt. 

Wir wissen nicht, wo Denck Mitglied einer der bestehenden 
„christlichen Brüderschaften" geworden ist; jedenfalls steht 
aber fest, dass er in Nürnberg solche Brüder besass und es kann 
nicht zweifelhaft sein, dass diese Nürnberger Brüder eine in sich 
geschlossene religiöse Brüderschaft bildeten, die aber bis dahin, 
wie aus den Prozessakten des Jahres 1524 hervorgeht, in der 
Stille bestand und wirkte 1 ). 

Unter den Eindrücken des günstigen Verlaufs der Nürnberger 
Reichstags-Verhandlungen von 1524 hatten die Anhänger Luthers 
in der grossen Reichsstadt, geführt von Andreas Osiander, die 
massgebenden Männer des Magistrats auf ihre Seite gebracht, 

') Wir besitzen einen merkwürdigen Brief de« Arzte» Lnndulphus an 
«einen Freund und „Binder" Cornelius Agrippa von Nettesheim d. d. Lyon 
1509 prid. Nonas Febr., in dem es in Bezug auf einen jungen Nürnberger heisat: 
Qui hasce meas ad te defert literulas, tuae nationis Germanus est, oriundus 
ex Norimberga, sed domicilium haben** Lugduni; estque rerum arcanarum 
euriosus indagator et homo Uber .... Vellern ego profunde virum 
explorares atque tibi ut suae mentis indicaret jaculum. Non proeul siquidem 
a scopo, meo judicio, aagittat . . . Tum ergo ab Aquilone in Austrum vola, 
undique Merculialibus pennatus alis et Jovis, si lnbet, seeptra am- 
plectere atque illum, si in nostra velit jurare capitula, nostro 
sodalitio adscitum face. Caeteri commilitone* nostri hic tuam sperant 
adventum. Quare laetus vontis vela cominittc ac communis felicitatis nostrac 
complectere portum .... miranda namque hic latent .... — Cornelius 
Agrippa war (s. H. Morley, The life of Cornelius Agrippa. London 18561, 
8. 25) im Jahre 1500 zu Paris Mitglied einer geheimen Sodalität geworden. 
Nach vorstehendem Brief stand er im Jahre 1509 an der Spitze eines Soda- 
litiums in Lyon und war im Begriff, einen jungen Nürnlteiger in diescllx- 
aufzunehmen. 



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Die Anfänge der Kefonwition und die Ketzerschulen. 



und das Ansehen der lutherischen Prediger beherrschte seit dem 
Sommer 1524 das Gemeinwesen. 

Etwa um dieselbe Zeit aber, wo der Sieg der Lutheraner 
entschieden War, begannen auf Betreiben Oslanders eine Reihe von 
Verhaftungen solcher Personen, die im Verdacht der „Ketzerei" 
standen. Am 31. Oktober 1524 wurde der Maler Hans Greifen- 
berger, der in einigen Schriften unlutherische Ansichten vorge- 
tragen hatte, ins Gefängnis geworfen, am 30. Dezember erfolgte 
dieselbe Massregel wider den Maler Hans Plattier, nachdem schon 
vorher die Schüler und Zunftgenossen Albrecht Dürers, Jörg 
Penz, Barthel Beheim und* Sebald Beheim, sowie der Goldschmied 
Ludwig Krug und der Maler Sebald Baumhauer, verhaftet worden 
waren. Die Sache erregte grosses Aufsehen. Dürer schrieb am 
5. Dezember 1524 an seinen Freund Hieronymus Kratzer: „Item 
des christlichen Glaubens halber müssen wir in Schmach und Ge- 
fahr stehen, denn man schmäht uns Ketzer. Aber Gott ver- 
leih uns seine Gnade und stärke uns in seinem Wort, denn wir 
müssen Gott mehr gehorsam sein, als den Menschen ... Es sind 
viel böser Anschläge vorhanden; es wird allein der Wille Gottes 
geschehen." Es kam in der That bald zu Tage, dass noch weitere 
„Anschläge" vorhanden waren: zu Ende Dezember wurde auch 
dem Rektor der Lateinschule, Joh. Denek, der Prozess gemacht, 
der mit dessen Ausweisung endete 1 ). 

Es gereicht dem Letzteren zur Ehre, dass er, obwohl selbst 
in seiner Existenz bedroht, sieh offen und rückhaltlos als Ge- 
sinnungsgenossen der „gottlosen Maler" bekannte; „ich beschwöre 
alle Kreaturen und Ew. Weisheit", schreibt er an den Magistrat, 
„(Ihr) wollet mich und meine gefangenen Brüder, die ich in 



') Nähere« hei Keller, Ein Apostel der Wiedertäufer. Lpz. 1882. 
Dass Denck, der freundschaftliche Beziehungen zu Pirckheiraer unterhielt, 
auch mit Dürer hekannt war, ist nicht zu bezweifeln. Dürer erwähnt in 
seinem Tagebuch in einer zu Antwerpen im September 1520 aufgezeichneten 
Notiz einen „Hans Dcnc" oder, wie Leitschuh liest, „Hans Dencr". Die 
Lesung dieses Personennamens ist, ebenso unsicher, wie die mancher anderer 
Personcnnamen in den überlieferten Handschriften (s. Lange u. Fuhse, 
Dürers Schrift I. Nachlas». 1893, 8. 128.1. Es ist möglich, dass in der 
Handschrift Hans Denc gestanden hat. Wo Denck sich im Herbst 1520 
aufgehalten hat. ist unsicher, dass er in Antwerpen itezichtingen bosass, ist 
sicher. 



40 Keller, 

der Wahrheit liebe, nicht naeh dem Sehein, sondern nach der 
Wahrheit richten". 

Einer der Ankläger der Verhafteten, Vevt Wirsperger, sagt 
ans, dass dieselben bei einem (nicht genannten) Prediger, dem der 
Magistrat die Stadt verboten habe, viele „Gemeinschaften", d. h. 
Versammlungen, gehabt hätten. In der That ergiebt sich aus 
den Verhörprotokollen, dass die Brüder auch auswärts Zusammen- 
künfte gehalten hatten, und die Richter nahmen an, dass sie auch 
anderwärts „Trost", d. h. Verbindungen und Rückhalt besassen. 

Es steht fest, dass zu derselben Zeit, wo der Reichstag dort 
tagte und wo in Sachen des lutherischen Glaubens wuchtige Be- 
ratungen stattfanden, auch Vertreter der „Ketzerschulen" in Nürn- 
berg zusammengetreten waren. Ludwig Hätz er aus Zürich, den 
zeitgenössische Berichte ausdrücklich als „Piekarden" bezeichnen, 
Hans Hut aus Franken, der in den Quellen ein Anhänger der 
„alten waldensischen Brüder" genannt wird 1 ), Leonhard Schie- 
rn er aus Judenburg, Hans Schlaffer aus Oberösterreich waren 
mit Deuck und anderen Brüdern zusammengekommen, sicherlich 
nicht bloss zu Andachten, sondern auch zu Beratungen und Be- 
schlussfassungen über die Lage der Brüdergemeinden im Reiche. 

Es ist wichtig, dass die Verhaftungen der Nürnberger 
„Brüder" wegen religiöser Ansichten erfolgten und es ver- 
steht sich, dass die Anklage hier ebenso, wie in dem Prozess 
zu Augsburg, auf Gotteslästerung lautete. Aber während der 
Augsburger Rcligionsprozcss weitere Nachwirkungen, soviel wir 
wissen, nicht hinterliess, hat der Nürnberger — er ist unter dem 
Namen des „Prozesses gegen die gottlosen Maler" bekannt ge- 
worden — für die Entwicklung der Reformation deshalb eine be- 
sondere Bedeutung gewonnen, weil hier zuerst die Vertreter 
der Lutheraner mit den Vertretern der älteren Evan- 
gelisehen zusammensticssen und naeh dem Vorbild der römi- 
schen Kirche die Staatsgewalt wider die letzteren wegen 
Glaubensfragen in Bewegung setzten. 

Die Entwicklung, die Luthers Theologie im Laufe der Jahre 
genommen hatte — wir können auf diese Entwicklung, die wir an 
anderer Stelle geschildert haben-), hier nicht näher eingehen — , 

') Nähcrc* bei Keller, Staiipitz, S. 227. 

7 I Keller. Dir Reformation, S. :!.'*!> ff. Hers , .Toh. v. Staupitz etr., 
S. IHOff. 



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Die Anfänge der Kcformation und die Ketzcrschulcn. 



41 



hatte ihn und seine Anhänger weiter und weiter abgeführt von 
den Glaubensüberzeugungen, wie sie in den Brüdergemeinden 
und den ihnen nahestehenden Brüderschaften von Alters her über- 
liefert waren. 

Aus dein oben besprochenen Wormser Trostbrief lernen 
wir einige der vornehmsten Beschwerdepunkte der alteren Evan- 
gelischen gegen die römische Priesterschaft kennen, und es ist 
interessant, dass der Vorwurf der Werkheiligkeit darunter 
scharf hervortritt 1 ). Daraus erhellt, wie sehr Luther, indem er 
den Kampf gegen die Werkgerechtigkeit aufnahm, die innersten 
Wünsche ebenso der „Bischöfe und Ältesten" in Worms, wie 
aller älteren Evangelischen zu den seinigen machte. 

Aber der Begriff der Kirche, wie ihn Luther allmählich 
immer schärfer vertrat, machte die „reine Lehre", d. h. das Be- 
kenntnis und die Sakramente, in gewissem Sinne ebenso zu Ver- 
mittlern zwischen der einzelnen Menschenseele mit Gott, wie es 
in der alten Kirche die Priester und die „guten Werke" waren, 
und an Stelle der letzteren wurde jetzt der Glaube zu einer 
Leistung: aus der alten Werk -Gerechtigkeit wurde eine Lehr- 
und Glaubens -Gerechtigkeit, die den Gmndanschauungen der 
Gegner jeder Gerechtigkeit entschieden widersprach. 

Die Kirche, wie sie den altevaiigelischen Gemeinden vor- 
schwebte, sollte keine Bekenntnisgemeinschaft, sondern eine Ge- 
sinnungsgenieinschaft sein — eine Gemeinschaft, die nicht 
in vieldeutigen Dogmen, sondern in der gesetzmässigen Über- 
tragung der Amtsgewalt und in der Festhaltung der altchristlichen 

') Auch in der Vorrede, die Wolff Klöpfcl (Buchdrucker in Stras- 
burg i zu der Schrift: „Verwarnung der Diener des Worts und der Brüder 
zu Strasburg. An die Brüder von Landen und Stetten gemeiner Eidgnos*- 
schafft", unter dem 1. April 1524 verfasste l Klöpfcl war Mitglied der „Ge- 
mein Christi" in Strasburg), tritt der Widerspruch gegen die „Wcrkheilig- 
keit" scharf hervor. Klöpfel giebt damit einer Überzeugung Ausdruck, die 
in seinen Kreisen ülH-rliefcrt war. Die „Gemein Christi" zu Strasburg 
(wie es in der Schrift heisst), die ihre Wortführer vornehmlich in Matheus 
Zell und Wolfg. F. Capito erkannte, bestand zu Anfang 1524 zum Teil aus 
Männern, die uns später als „Wiedertäufer" begegnen. Die Schrift spricht 
davon, das» die „Wahrheit angefangen habe, wider inzubrechen". Neu 
war also nur die jetzige Ausbreitung der Wahrheit, — Die Schrift war 
gegen den Augustiner- Prov. Koniad Tregcr gerichtet. In seiner Antwort 
nennt er die Brüder zu Strassbnrg Anhänger der. ..böhmischen Ketzerei". 



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42 



Keller, 



Verfassung und Glaubenslehre das einende Band für ihre Mit- 
glieder fand. 

Gerade deshalb war es ihnen anstössig, das« Luther allmäh- 
lich in die Wege der Staatski rohe einlenkte. Ihnen schwebte 
im Sinne des ältesten Christentums, das ihnen Vorbild und Norm 
war, als Ziel ein freiwilliger Bund von Brüdern vor, der 
als Mitglieder weder Unmündige noch durch Zwang beigetretene 
Personen kannte. Diejenigen aber, die volle Glieder geworden 
waren, standen an Rechten und Pflichten einander gleich: sie 
waren in der Gemeinde, gleichviel welchem Stand und welcher 
Nation und welchem Geschlecht sie angehörten, Christen und 
als solche Brüder und Schwestern. Während die neuen evange- 
lischen Staatskirchen die Lehre von der Zwangsgewalt in 
Glaubenssachen alsbald wieder in Geltung setzten, waren und 
blieben jene der Uberzeugung, dass die Freiheit und Freiwillig- 
keit ein wesentliches Stück der Lehre Christi bilde. Dazu kam 
die völlige Leugnung jeglicher Willensfreiheit und die im Zu- 
sammenhang damit von Luther vertretene Uberzeugung, dass „Gott 
auch die bösen Wege regiert in den Gottlosen", die den An- 
sichten der älteren Evangelischen ebenso widersprachen wie Luthers 
Anschauungen von der gänzlichen Verderbtheit der mensch- 
lichen Natur und von der Erbsünde. Nimmt man hinzu, dass 
die Betonung des paul inischeu Christentums, wie sie sich bei 
Luther immer schärfer und schärfer entwickelte, der alten Uber- 
lieferung von der centralen Bedeutung der Herrnworte zu- 
widerlief, so hat man einige (aber keineswegs alle) Meinungsver- 
schiedenheiten sich vergegenwärtigt, wie sie sich um das Jahr 1525 
zwischen den „Lutherischen" und den „Evangelischen Christen" 

— so nennt Hans Sachs im Jahre 1524 die beiden Parteien 1 ) 

— entwickelt hatten. 

Das grosse Ansehen, das Luther in dem schwierigen Kampfe 
gegen die Hierarchie errungen hatte, und die hervorragenden 
Fähigkeiten, die er für diesen Kampf mitbrachte, machten ihn 
für zahllose Deutsche und nicht am wenigsten für alle diejenigen 
Geistlichen und Mönche, die unter seinem Vortritt die Lossagung 

') „Ein gesprech eynes Evangelischen Christen mit einem Lutherischen, 
daryn der Ergeilich wandel etlicher, die sych Lutherisch nennen, angezeigt 
und brüderlich gestrafft wirt. Han* Sachs*. MDXXIIII." Näheres» Aber 
den Inhalt dieser Schrift l>ci Keller, Stuupitr. S. \m ff. 



Die Anfang«: der Reformation und die Ketzerschulen. 



43 



von der alten Kirche vollzogen, zum geborenen Führer und von 
dem Augenblick an, wo der Kurfürst von Sachsen, der nächst- 
mächtigste Fürst nach dem Kaiser, sieh auf seine Seite gestellt 
hatte, hatten er und seine Freunde auch politisch denjenigen Rück- 
halt gewonnen, dessen eine Partei, die sich gegen die römische 
Kirche erfolgreich behaupten wollte, nicht entbehren konnte. So 
brachten die Lutheraner für den siegreichen Fortschritt ihrer 
Sache Voraussetzungen mit, die den älteren Evangelischen fehlten, 
und diese mussten sich, wenn sie den Anschlags an Luther und 
die werdende Staatskirche ablehnten, auf einen Kampf nach zwei 
Seiten vorbereiten. Gerade in Nürnberg sollte es sich zeigen, 
dass die Lutherischeu nicht willens waren, anderen Glaubensüber- 
zeugungen, als Luther sie vertrat, Freiheit oder Duldung zu ge- 
währen. 

Es war für die neuen Staatskirchen, die eben unter Luthers 
und Zwingiis Führung sich bildeten, ein ausserordentlicher Ge- 
winn, dass ihre Vertreter der Wahrheit gemäss ihre Identität mit 
den älteren Ketzern bestreiten konnten. Nicht nur der überlieferte 
Gegensatz von Fürsten, Stadträten und Geistlichen gegen die 
alten „Ketzer" ward durch die Einführung einer neuen Glaubens- 
lehre abgeschwächt, sondern es ward auch die Anwendung der 
noch immer zu Recht bestehenden Ketzergesetzgebung erschwert 
und zum Teil unmöglich gemacht. 

Wie die Dinge damals lagen, enthielt der Zusammenhang 
mit älteren „Ketzern" eine ausserordentliche Erschwerung grösserer 
Erfolge l ) und eine Gemeinschaft, die vorwärts kommen wollte, 



') In der erwähnten Schrift des Augustiner Ordens-Provinzials Konrad 

Treger „Verroanung an ein lobliche gemeyne Eydgnossschafft vor 

der ßöhemschen Ketzerei (1524)", findet sieh folgende bezeichnende Stelle 
(Bl. B. III): „Vnd wiewol das Evangelium und Wort Gottes fürgewendt 
wirt ist doch das nit neuw noch zu achten, dann gemeynlich alle Ketzer 
«ich diser Färb auch gebraucht haben, zu vercleyben ir eygenwillig frevel 
Fürnemen. Es war auch von nöten , ein sollich schön Deckmantelin zu 
brauchen, dann wer wolt dem Luther Glauben geben haben, wo 
er anfenglich Wieleff, Johannen! Hus* und dergleichen Ketzer 
fürgewendt solt haben. Es hätt ja keiner ein Hussit oder Böhe- 
mer genannt wollen werden, darum ist von nöten, sich Evangelisch zu 
heissen, damit under solcher schöner Färb die unflettig stinkend Böhenisch 
Sekt verkauft würd. " lExempl. in der Stadtbild, zu Zürich). - Was Treger 
hier von dem Namen „Hussit" und „Böhmer" sagt, trifft in noch höherem 



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44 



Keller, 



hatte ein grosses Interesse daran, solche Zusammenhange wenig- 
stens nicht öffentlich zu betonen. M ährend daher in den Schriften 
und öffentlichen Erklärungen der älteren Evangelisehen Hinweise 
auf die früheren Zusammenhänge begreiflicherweise selten sind, 
wurde doch ebenso im engeren Kreise der Brüder wie in den 
Schriften der Gegner die Abstammung von den früheren Ketzern 
bestimmt genug ausgesprochen '). 

Andererseits war um das Jahr 1524 die Furcht vor dem 
Wiederaufleben der böhmischen Kämpfe, die einst ganz Mittel- 
europa erschüttert hatten, so gross, dass Fürsten und Prälaten 
in jenem Augenblick mit gutem Grund mehr Besorgnisse vor der 
„böhmischen Ketzerei", als vor irgend einer neu aufkeimenden 
Religionsgemeinschaft hegten, mit der sie früher oder später schon 
fertig x.u werden hoffen mochten. Es ist nicht ausgeschlossen, 
dass kluge Kirchenfürsten und Priester der Ansicht gewesen 
sind, zur Beschwichtigung der tieferregten Volksleidensehaften 
seien einstweilige Zugeständnisse an die Lutheraner eine geringere 
Gefahr; ja vielleicht tauchte in einzelnen Köpfen schon damals 
der Gedanke auf, dass solche Zugeständnisse ein Mittel werden 
könnten, um die einen durch die andern zu vernichten. Dass die 
römische Hierarchie wenige Jahre später dasselbe Spiel trieb, um 
durch die Lutheraner die Keformirtcu niederzuhalten, steht fest 
und ist geschichtlich erwiesen. Jedenfalls verdient es Beachtung, 

Grad auf den Namen „Waldcnser" zu. Der Name Vauderie bedeutet in 
den romanischen Ländern geradezu ..Hexerei" und war ausserordentlich ge- 
hässig. 

') Die eben erwähnte Hchrift des Ordens-Provinzials Tieger, die die 
Namen „Lutherschc" und ..Böhmen" noch gleichsetzt, ist in dieser Beziehung 
sehr interessant. Treger sagt (Bl. D. 4): „Aber Du solt wissen frommer 
Christ, dass die lutberschen ein eygne Kirch haben, vor vil jaren von 
etlichen ketzern erdacht , damit sie von nyemants geurteylt noch ge- 
strafft möchten werden." Und weiter (Bl. E. 2): „Lud was understen ir 
(die „Diener des Worts und Brüder zu Strasburg", wider die Treger schreibt) 
dann .... die schedlichen Ketzer (verdammter Uedechtnüss Wicleff, Waldenses, 
Johannem HussJ widerumb herfür zu thun und zu verfechten." Deshalb 
nennt er seine Gegner auch bald „Liebe Russische Brüder", bald „Luther- 
sche", bald „Liehe Böhemsche Brüder" und am Schluss wirft er den „Luther- 
sehen und Böhcmschen Prälaten" vor: Ihr würdet, wenn Ihr die Gewalt 
hättet, Christue und alle Heiligen aus der Christenheit jagen „und uns 
Johannem Wicleff, die Waldenses, Johannem Huss. euwere Eltern, 
und dergleichen vil ketzer an die statt geben". 



Die Anfänge der Reformation und die Ketzerschulen. 



45 



dass die Versuche der katholischeu Polemiker, die Lutheraner und 
die „Ketzerschulen" der älteren Evangelischen zu identifizieren 
und gleichzusetzen, wie sie bis zum Jahre 1525 gemacht wurden, 
seit jener Zeit gänzlich aufhören. Von da an ist die römische 
Partei vielmehr bemüht, diese Gegensätze thunliehst zu erweitern 
und die einen gegen die anderen auszuspielen. Es lag auf der 
Hand, dass diejenigen die Kosten zahlen mussten, die von der 
römischen Kirche als die gefährlichsten Gegner betrachtet wurden. 
Diese Wendung in der gegenseitigen Stellungnahme der Parteien 
wird durch das Aufkommen der neuen Sekten-Namen, die 
bald in Sehwang kamen, gekennzeichnet. 

Die Namen der 84 Abgeordneten schweizerischer „Ketzer- 
schulen", die im Jahre 1522 auf dem „Lindenhofe" eine Ver- 
sammlung hielten, sind uns, soweit es sich nicht um die Züricher 
Brüder handelt, leider unbekannt geblieben, auch die Teilnehmer 
au den Synoden und „Kapiteln", die Hubmeier im Jahre 1524 
abhielt, kennen wir dem Namen nach nicht Um so erfreulicher 
ist es, das wir sowohl von der Augsburger Versammlung (s. oben), 
wie besonders von der Nürnberger des .Jahres 1524 manche Teil- 
nehmer mit Namen kennen. Es sind dies dieselben Männer, die 
bei der Synode der „Wiedertäufer" zu Augsburg im Jahre 
1527 uns als Führer dieser Religionsgemeinschaft entgegentreten 1 ) 
und es lässt sich daraus schliessen,*dass Denck, Hätzer, Hut, 
Schiern er, der als Bischof der „Wiedertäufer" in Oberösterreich 
im Jahre 1528 den Märtyrertod starb, und Schlaffer 2 ) der als 
„Diener des Worts" unter den „Wiedertäufern" in Mähreu wirkte 
und 1528 hingerichtet wurde, schon im Jahre 1524 in den heim- 
lichen Gemeinden besonderes Ansehen genossen. 



Bis zum Schlüsse des Jahres 1524 hatten sich die Brüder- 
schaften und heimlichen Gemeinden trotz der lebhaften Thätig- 
keit, in der sie sich seit dem Ausbruch der grossen religiösen Be- 
wegung befanden, in der Stille gehalten und nichts an ihren 
J )aseinsformen geändert. 

') Nähere»* über diese Synode (üehe bei Keller, Die Reformation etc., 
•) Über Schlaffer siehe dun Artikel in der Allg. d. Uiogi. 



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46 



Keller, 



Jetzt aber, als die Lutheraner und Zwinglianer unter dem 
Schutz einiger Fürsten und Städte den offenen Kampf gegen die 
„Ketzerschulen" begannen, hielten eine Anzahl angesehener Brüder 
in der Schweiz, an ihrer Spitze Jörg Blaurock, Wolf gang Ulimann 
und Konrad Grebol, den Zeitpunkt für gekommen, den Kampf 
aufzunehmen und die Loslösung von der alten wie der neuen 
Kirche unter Einführung des Sakraments-Kultus, wie sie ihn in 
Ubereinstimmung mit den Brüdergemeinden der früheren Jahr- 
hunderte für schriftgemäss hielten, öffentlich zu vollziehen. Das 
geschah durch die Einführung der Spättanfe um den Be- 
ginn des Jahres 1525 zu Zürich und alsbald auch zu St. Gallen, 
wohin sich Denck, nach der Vertreibung aus Nürnberg, zu den 
Brüdern geflüchtet hatte. Damit folgten die Schweizer Brüder 
dem Beispiel, das die Brüder in Böhmen, als sie sich zur öffcnt- 
liehen Trennung von der herrschenden Kirche entschlossen, im 
Jahre 1467 gegeben hatten: auch hier war der erste Akt der 
Loslösung die Vornahme der Glaubenstaufe an den versammelten 
Brüdern gewesen. 

Hier wie dort wiederholten sieh jetzt innerhalb und ausser- 
halb der neuen Religionsgemeinschaft die Vorgänge, die seit den 
Tagen der grossen Ketzerkriege jedesmal beobachtet worden waren, 
wenn die alten Christengemeinden aus den Formen der Brüder- 
schaften heraustraten und sich in kirchlichen Formen organisierten. 

Wie einst in Böhmen unter Mitwirkung der Utraq nisten, 
die von der Kurie ins Interesse gezogen waren, begannen jetzt 
in Deutschland mit Hülfe der Lutheraner und Zwinglianer blutige 
Verfolgungen, die bei der Ubermacht der Gegner und bei der 
Roheit, wie sie die Entfesselung des religiösen Fanatismus zu 
begleiten pflegt, entweder zur vollen Ausrottung oder zur Unter- 
bindung ihres inneren und äusseren Zusammenhangs und zur 
geistigen Aushungerung des schwächeren Teils führten. In ab- 
gelegene Winkel gedrängt, geschmäht, gelästert und zur Verzweif- 
lung getrieben, mussten die Besiegten in ihren eignen Reihen 
mancherlei Verirrungen reifen sehen und vereinzelt, an der öffent- 
lichen Bethätigung ihres Glaubens gewaltsam verhindert, ihrer 
geistigen Führer beraubt, führten sie meist ein kümmerliches 
Dasein, voller Spaltungen und Engherzigkeiten, die ihnen jede 
Möglichkeit der Einwirkung auf das allgemeine Leben raubten. 

Ebenso wie um die Mitte des 15. Jahrhunderts zwischen 



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Die Anfänge der Reformation und die Ketzerschulen. 



47 



den Brüdern in Böhmen und den Brüdern in Österreich, die 
innerhalb der römischen Kirche verharrten, über dies Verhalten 
Meinungs-Verschiedenheiten ausbrachen 1 ), so entstanden auch um 
das Jahr 1525 in Deutschland unter den Brüdern selbst innere 
Kämpfe über die Frage, ob der Zeitpunkt für die Einführung des 
Sakraments-Kultus in den Brüderschaften gekommen sei, oder 
ob es besser sei, den Kampf für den alten Glauben bis auf 
bessere Zeiten in der bisherigen Art weiter zu führen. Da um 
jene Zeit Niemand unter ihnen war, der den Sakramenten eine 
gnadenvermittelnde Wirkung zuschrieb, und also Niemand der 
Ansicht war, dass sie zur Erlangung des Seelenheils not- 
wendig seien, so bildete die Tauffrage keineswegs den Angel- 
punkt ihrer Glaubenslehre. 2 ) 

Kein geringerer als Zwingli, der gerade demjenigen Kreise 
sehr nah gestanden hat, dessen Angehörige mit der Einführung 
der Spättaufe den Anfang machten, bezeugt in seiner Schrift 
„Vom Tauf, Wicdcrtauf und Kindertauf", dass die übertriebene 
Schätzung der Spättaufe, wie sie Grebel, Blaurock, Manz und 
andere alsbald bekundeten, eine Verleugnung des ursprünglichen 
Standpunktes der Brüder sei, die früher am lautesten verkündet 
hätten, dass die Ceremonien nichts austrügen für die Erlangung 
des Seelenheils '), und es ist nachweisbar, dass auch im Schosse 
der alten „Ketzcrschulen" selbst die übertriebene Betonung viel- 
fach als eine Neuerung und als eine Art Abfall von den alten 
Uberlieferungen betrachtet wurde, den manche Brüder nicht mit- 
zumachen entschlossen waren. 

Es kam hinzu, dass die öffentliche Einführung des Sakra- 
ments -Kultus früher hatte man die religiösen Ceremonien 
vielfach in symbolischen Einkleidungen vollzogen oder unter 
weltlichen Formen verhüllt — den Gegnern die Handhabe bot, 
die alten Ketzergesetze von neuem zur Anwendung zu bringen. 
Ein Kampf aber, der sich zu einem Ringen um die Taufe der 
Erwachsenen zuspitzte, musste eben dieses Sakrament in den 
Vordergrund aller Interessen rücken; es konnte nicht ausbleiben, 
dass eine Lehre, um deren Behauptung willen so viel Blut floss, 

'» S. M.H. der CG. 1894 S. 173. 

Selbst Ludwig Hätzer hat gelegentlich erklärt, „er habe die Wieder- 
taufe nie gerühmt". S. Keller, Staupitz S. 304. 

) Die Schrift vom Tauf ete. *. in Zwingiis Opp. II. S. 230 ff. 



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48 



Keller, 



den Verteidigern wie den Gegnern bald als das Hauptstück des 
Christentums erschien, und dass damit eine unheilvolle Vor- 
schiebung und falsche Wertmasse eintraten. 

Indem die grossen und fruchtbaren Gedanken, die den 
ursprünglichen Kern dieser altevangelischen und altchristlicheu 
Bewegung bildeten, durch diese unglücklichen Entwicklungen 
thatsäehlich in einigen Punkten verdunkelt wurden, verlor das 
System einen Teil der werbenden Kraft, die ihm Jahrhunderte 
lang eigen gewesen war, und die Männer, die ehedem von dem 
heissen Streben erfüllt waren, die Reformation der ganzen 
Welt durch den Glauben, der sie beseelte, zu wirken, zerrieben 
ihre Kräfte in Kämpfen und Spaltungen aller Art und waren 
froh, wenn es ihnen vergönnt blieb, in engem Kreise ihr eigenes 
Seelenheil zu schaffen. 

So kam auf den Wegen, die die Züricher „Ketzcrschule" 
einschlug, von vornherein die Gefahr in den Gesichtskreis, die 
späterhin die Achillesferse des sog. Anabaptismus im engeren 
Sinne werden sollte, nämlich die Neigung, gewisse Besonderheiten 
äusserer oder innerer Art in ihrem Werte zu überschätzen und 
damit einem Conventikel-Glauben den Weg zu bereiten, der von 
den weltumspannenden Zielen der alten Brüderschaften sehr weit 
entfernt war. 

Die Zeit war für die Durchsetzung der Formen und An- 
schauungen, wie sie Blaurock und Grebel in Zürich vertraten, 
selbst dann noch nicht reif, wenn sie in massvollerer Weise zur 
Durchführung gekommen wären, als es thatsachlich geschah. Es 
kennzeichnet die Stimmungen, wie sie selbst bei wohlwollenden 
Männern vorhanden waren, wenn im Jahre 1530 der Pfarrer 
Matthias Bodmer erklärt: „der Täufer Ding gefalle ihm wohl, 
ausser dass sie es zu früh haben angefangen". 1 ) 

Sein* bezeichnend für die Entwicklungen, die sich bald voll- 
zogen, sind die Vorgänge, die sich zu Beginn des Jahres 1525 
in der oben geschilderten Brüderschaft zu St. Gallen abspielten. 
Wolfgang Ulimann, der „Diener Worts" in dieser Brüderschaft, 
war auf die Kunde von den Vorgangen in Zürich dorthin geeilt 
und hatte sich von Grebel die Spättaufe erteilen lassen. In der 
ersten Hälfte des März kehrte er nach St Gallen zurück und 



') Egli, Die Züricher Wiedertäufer S. l>0. 



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l)ic Anfänge der Refmiutition und die Kctzersehulen. 49 



berief zum 18. in die Zunftstube der Weber am Markt eine Ver- 
sammlung der Brüder, um sie zur öffentlichen Einführung der 
Taufe auf den Glauben zu bewegen. In der That schlössen sich 
der Zunftmeister Mainradt Weniger, der bisherige „Oberste und 
Angeber" der Brüderschaft, und sonstige angesehene Mitglieder dem 
Ulimann an und empfingen die Taufe; andere aber verweigerten 
den Empfang und es kam zur Spaltung. 1 ) 

Diese Ereignisse sind für die Entwicklungen, die jetzt ein- 
traten, typisch: es kam an vielen Orten zu heftigen Bewegungen 
innerhalb der Brüderschaften, die zum teil mit einer völligen 
Entfremdung unter den früher vereinigten Mannern endeten. 

Diejenigen, welche seit 1525 in der Spättaufe das uner- 
lässliche Bundeszeichen erkannten, folgten in erster Linie der 
Führung solcher Männer, unter denen die Überlieferungen des 
alten Apostel-Kollegs besonders stark fortlebten. Die ehe- 
maligen Mönche Jörg Blaurock, Wolfgang Ulimann und andere 
sind es gewesen, die aus diesen Traditionen heraus den Charakter 
der „Ketzerschulen", soweit letztere ihnen treu blieben, in stark 
asketischem Sinne beeinflusst haben. Der von ihnen gemachte 
Versuch, die ganze Welt unter die Regeln der „Vollkommenen" 
zu stellen, konnte unmöglich gelingen, und indem damit die ehe- 
malige Dreiteilung der Gemeinde verwischt und verdunkelt wurde, 
ging der Sinn der alten Ordnungen in wesentlichen Stücken^ ver- 
loren. 2 ) 

So kam es denn, dass manche Brüder, die sich diesen Ent- 
wicklungen nicht anschliessen konnten, den Anschluss an diejenigen 
unter den „neuen Evangelischen" suchten, die ihren religiösen 
». Ansichten verhältnismässig am wenigsten fern standen, vor allem 
an die lief ormirten , wie sie sich nach Zwingiis Tod und vor 
dem Auftreten Calvins zu entwickeln schienen. Es waren keines- 
wegs nur die romanischen Waldenser, die durch Oecolarapads 
Vermittlung seit der Mitte der 30er Jahre ihre Annäherung an 
die Reformirten bewirkten, sondern schon frülizeitig sehen wir 
die niederrheinischen Ketzerschulen teilweise auf denselben 
Wegen wandeln. 

') Jon. Kesslers Sabbata. Hrog. von Ernst Götzinger St. Gallen 
1886. I, \98 ff. 

■) Weiteres ül>er diese Entwicklungen siehe bei Keller, Staupitz 
S. 275—315. 

•I 



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50 



Keller, 



Es sind uns die Aufzeichnungen einer Familien-Chronik zu 
Emmerich aus der Mitte des Iii. Jahrhunderts erhalten, die über 
die Entstehung der dortigen „reformierten Gemeinde" und über 
die Zusammenhänge mit den Brüdern, die man „Waldenser" nannte, 
interessante Aufschlüsse geben und was an einem Punkte ur- 
kundlich nachweisbar ist, wird sieh an andern in der Stille in 
ähnlicher Weise vollzogen haben. 

Die Spaltungen, die seit der Einführung der Spättaufe und 
der grossen Verfolgungszeit eintraten, erstreckten sich ebensowohl 
auf die Ketzerschulen und heimlichen Gemeinden wie auf die 
„Akademien" der „Poeten", und während dieselben Männer, die 
um 1522 als Wortführer der enteren auftraten, später vielfach 
als „Wiedertäufer" verfolgt wurden, finden wir unter den Poeten 
einen erheblichen Teil derselben Namen, denen man nachmals 
unter der Bezeichnung freie Täufer den Makel der Ketzerei 
anzuheften suchte. 

Wir besitzen den Brief eines Ungenannten aus dem Sep- 
tember 1523 über die „Ketzer", welche damals in Schlettstadt 
vorhanden waren; die „rechtschuldigen" und „allernamlichsten", 
d. h. die namhaftesten und die Führer waren folgende: l)r. Paulus 
Seidensticker, Joh. Sapidus, Lazarus Schürer, ein Gold- 
schmied Namens Sebastian, ein Sattler Lorenz, ein Küfer 
Antonius, ein Weber Hans vom Bach, ein Scherer, ein Gerber, 
ein Junker und andere -'). Es ist nicht überliefert, ob diese Männer, 

') Nähere« bei Keller, Staupitz S. 244 ff. 

*) Aus dem Briefe eines l'ngenannten. 1523 September: „Mein 
undertenig, willig und gehorsam Dienst etc. Edler und strenger Herr. 
Demnach und eur strengkeit mir hatt geschrieen und dar by mich gebetton, 
das ich cur G. zu wissen thuc, wer doch alhie sige, der eich des ketzer- 
schen Glaubens anneme, es auch iren ein grosse zal sige, deren zu wider- 
stecn were, so vor und es überhand t nemo: Lass ich enr G. wissen, dass 
iren uff dreißig sind reehtsehuldigc , wie wol der andern auch ein teil mer 
sind, aber die «int die rechtschuldigen under welchen die allernamlichsten 
sind: Doctor Paulus ^Seidensticker genannt Phrygio), Sapidus, Lazarus 
(Laz. Schurerius), ein Goldschmidt Bastian, einer batt, einer Jeronimus, 
ein Sattler Lorentz, ein Kicffer Anthoni, ein Welier Hans vom Bach, ein 
Scherer, ein Gerber, der Junker, so von Ensen ist zogen, Cunradt Schützen 
»un. ein treger und zwo frawen, die kreftenin, denen min Herrn allen wol 
möchten widderstan, dem einen mit gewalt, dem andern mit Hemmung 
sins ampts, aber dem Lazarus zuvor nit, dan er rieh und gelert und wol 
gefrünt ist, dem goldtsehmidt, das er sich zu gar wt»l hiit und nit zu bc- 



Die Anfänge der Reformation und die Ketzerschulen. 



51 



unter denen die Handwerker überwiegen, im Jahre 152;5 bereits 
eine religiöse Gemeinschaft bildeten, sicher ist aber, dass eine 
litterarische Sodalitat schon seit längerer Zeit in Schlettstadt 
bestand, als deren Mitglieder uns zum teil gerade diejenigen 
Männer begegnen, die oben als „Ketzer" erscheinen, darunter 
Sapidus, Soidensticker, Schurer u. a. Und wenn wir z. B. aus 
Strassburg ähnliche Ketzerlisten besässen, würden sich die Zu- 
sammenhänge noch deutlicher herausstellen. Jedenfalls steht es 
fest, dass Männer wie Otto Brunfcls, Lucas Hackfurt, gen. 
Bathodius, Paul Volz, Joh. Schwebel u. a., die später als 
„freie Täufer" bekannt geworden sind, ebenso Mitglieder jener 
litterarischen „Sodalitäten" waren, wie Joh. Denck, Simon 
Stumpf, Conrad Grebel, Hans Bünderlin u. s. w., die 
nachmals als eigentliche „Wiedertäufer" galten. 

Die Beziehungen der Schlettstadter „Sodalen" zu den Hand- 
werkern waren ebenso wenig zufällig, wie die Verbindung Johannes 
Kesslers in St Gallen mit den dortigen Zunftmeistern. Es mag 
dahingestellt bleiben, ob die gelehrten Sodalen Mitglieder einer 
Zunft waren oder nicht 1 ); sicher ist, dass sie ihren Rückhalt in 
diesen Organisationen fanden und dass die Zunftmeister keines- 
wegs ausschliesslich die Geführten, sondern vielfach die Führer 
der Bewegung waren. 



greifen ist in werten, dann er zu voller list ist und still ist, aber der grünt 
ixt luterer, so wir haben, — deni Junkeren, das er auch erfaren ist und wo 
wir im was verhütten . besorgen wir einen Ufrur, dann fyl in hie umb der 
Ketzerey lieb haben, besorgen auch, er werde durch die luterschen ein 
rumor unter uns anstatten.'' Nach einer Abschrift im Thesaurus Bauinianns 
(Univ.-Bibl. zu Strassburg) II fol. 4:{. Der Brief ist vollständig abgedruckt 
bei Ch. Fr. Walt her, Histoire de la Reformation ete. ä Seiestadt 184:5. 
App. S. 1"). 

' i Felix Faber sagt in seinem Tractatus de civitate Ulmensi (ca. 1490): 
„Prima zunita et major est mercatorum (Krämer und (Tcwandschncider). 
Magnum baec znnfta continet numerum non solum mercatorum, ecd arti- 
ficum dieparatis artifieiis laborantium (Maler, Bildhauer, Steinhauer etc.), 
aliquos ctiam habet, qui nec mercantiis nec artifieiis vacant, sed 
ut domicelli vivunt, ut sunt Bitterlin. — Istae zunftae omnes sunt 
legibus scriptis ordinatae et quaelibet habet suum magistrum, qui est de 
consulatu et divisae sunt majores zunftae per sotfetates Rotten), 
qui etiam suos babent praefectos. (Publik, de* Litterar. Vereins R<1. ISii 
S. 1J4 u. 138.) 

4' 



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52 



Keller, 



Es ist unbegreiflich, dass man den engen persönlichen und 
sachlichen Zusammenhang der „Ketzerschulen" mit der Entwick- 
lung des sog. Anabaptismus nicht längst bestimmter betont hat, 
um so unbegreiflicher, weil sowohl die Chronisten wie das Volk, 
das die Ereignisse miterlebte, ausdrücklich bestätigen, dass ein 
solcher thatsächlich vorhanden ist. 

Die Chronisten der „Täufer", deren genaue Bekanntschaft 
mit den Ereignissen innerhalb der Partei ebenso feststeht wie 
ihre Wahrheitsliebe, zählen zu den ersten Märtyrern ihrer „lang 
unterdrückten und jetzt wieder emporgetauchten Kirche" 
gerade solche in und um 1524 hingerichteten und verfolgten 
Männer, die in den „christlichen Gemeinden" vor der Einfüh- 
rung der Spättaufe geistliche Amter verwalteten: z.B. Hans 
Koch und Leonhard Meister in Augsburg, Kaspar Tauber 
in Wien und Georg Wagner in München. Wie wären solche 
Angaben ohne Verletzung der Wahrheit möglich gewesen, wenn 
nicht die Täufer, die diese Chroniken schrieben, gewusst hätten, 
dass diese hingerichteten Männer Mitglieder derselben Gemein- 
schaft und Brüder waren ". 

Wenn man aber zweifeln wollte, ob die Chroniken sich nicht 
doch vielleicht eines Versehens schuldig machen, wenn sie Männer 
zu den ihrigen zählen, die vor der angeblichen Entstehung der 
„Wiedertäuferei" bereits hingerichtet waren, so ist darauf zu ver- 
weisen, dass die angesehenen Getneindeglieder, die etwa um die 
gleiche Zeit die Lieder der Gemeinschaft zusammenstellten, un- 
möglich aus Irrtum die Lieder derselben Brüder mitaufgenommen 
haben können, und hätten sie sie aufgenommen, so würde die 
Gemeinschaft dies mit Entrüstung als Fälschung der Wahrheit 
zurückgewiesen haben 1 ). Giebt es heute etwa Historiker oder 
Theologen, die es wagen könnten, sich eine bessere Kenntnis des 
Sachverhaltes zuzutrauen oder die im Stande wären, jene Männer 
falscher Angaben zu überführen? 

Noch deutlicher spricht die Volksmeinung jener Tage sich 
in demselben Sinne aus. Heinrich Bullinger (gewiss ein unver- 
dächtiger Zeuge) bestätigt in einer seiner zeitgenössischen Schmäh- 
schriften gegen die „Wiedertäufer* 4 , dass die Männer, für welche 



l ) S. da» Lied, da* Hans Koch und Leonh. Meister gemacht haben 
„Arh (»ott Vater im höchsten Thron" im „Ausbund" etc. Nr. 40. 



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Die Anfänge der Reformation und die Ketzerschulcn. 



5H 



Ulrich Zwingli im Jahre 1525 den neuen Ketzeriiumen „Wieder- 
täufer" erfand, bis dahin „Spirituöser" geheisscn hätten und macht 
damit eine Angabe, die durch die Akten bestätigt wird. Aber 
Bullinger v erschweigt , dass der Volksmund die „Wiedertäufer" 
auch nach 152 5 „Spirituosen 4 nennt und überhaupt bis tief in das 
16. und 17. Jahrhundert hinein dieselben alten Namen gebraucht, 
die seit Jahrhunderten für die Waldenser u. s. w. üblich waren und 
dass die neue Erfindung der gelehrten .Streittheologie bei den 
Bürgern und Bauern sehr geringen Kingang fand. Dieselben Ge- 
meinden und Personen, die Urbanus Rhegius um 1528 als „Wieder- 
täufer" verfolgte, nannte der Volksmund „Gartenbrüder" oder 
„Gartbrüder", d. h. „gardende" (wandernde) Brüder'), weil dem 
kleinen Mann die Wanderprediger am besten bekannt waren. Noch 
in den achtziger Jahren des 1 G. Jahrhundert« hiesscn die „Wieder- 
täufer" in Baiern „G rubenheimer" oder „apostolische Brüder" und 
„Sabbatarier" wie die „Waldenser". Ja noch im zweiten Jahrzehnt 
des 1 7. Jahrhunderts waren in Niederdeutschland zur Bezeichnung 
der Gemeinden, die sich damals Taufgesinnte nannten, die uralten 
Ketzernamen des 13. bis 15. Jahrhunderts vielfach in Gebrauch 2 ). 

Während die protestantischen Theologen alsbald darüber 
einig waren, dass in den „Wiedertäufern" eine „neue und uner- 
hörte Sekte" auf den Plan getreten sei, gaben katholische Zeit- 
genossen der entgegengesetzten Ansicht sehr bestimmten Ausdruck. 
Der Augustiner Bartholomaeus von Usingen verfasste im Jahre 
1529 eine gelehrte Streitschrift gegen die „Kebaptizantes", aus 

') Vgl. Keller, Staupitz, S. 225. — v. Steffen, Gesch. Augsburgs I, 
«iOÜ, berichtet nach den Rat*»dekreten zum Jabre 1573: „Wider einige Gart- 
Brüder (d. h. Wiedertäufer), so sich abermals zu Augsburg eingeschlichen, 
ist um diene Zeit stark inqnirirt." Das» etymologisierende Gelehrte das 
Wort von Garten (Hortus) ableiteten, beweist für den wahren Ursprung 
dieses volkstümlichen Ausdrucks nichts. Der vielfach vorkommende Aus- 
druck „gardende Knechte" bedeutet im gleichen Sinn „wandernde (bald hier, 
bald dort dienende) Soldner". 

-) Keller, Die Gegenreformation in Westfalen u. am Niederrheiu III, 
2»4. Besondere Beachtung verdient dabei der in Holland und in Nieder- 
deutschland im 10. u. 17. Jahrhundert zur Bezeichnung der „Wiedertäufer" 
vielfach vorkommende Name „Tibben" (s. u. a. Holland. Kirchen- u. Schul- 
staat P. I, c. 59 p. 822 ff.». Tihbe bedeutet einen weiblichen Hund. Der 
Name „Hunde" aber (Christenhunde) kommt in Norditalicn wie in Süd- 
frankreich zur Bezeichnung der „Waldenser" häufig vor; sie heissen dort 
Chaignars oder Chiennars, vgl. Jac. Mehrning, Taufhistoric 1095. 



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54 



Keller, 



der, wie man mich sonst darüber denken mag, soviel hervorgeht, 
dass er sieh um die neue Partei genau bekümmert hat. Darin 
erklärt er: „Weil aber diejenigen aus dem Pikardentum 
ihren Ursprung genommen haben, die man heute Anabap- 
tisten oder Katabaptisten wegen der Wiederholung der Taufe 
nennt, schien es mir zweckmässig, den einfachen Leuten eine Art 
katholische Belehrung zu geben" u. s. w. 1 ). 

Vielleicht mag man diesen Augustiner in der Sache für nicht 
hinreichend zuständig halten. Unzweifelhaft muss man aber die 
Kanonisten der Kaiserliehen Kanzlei für zuständig erachten, die 
mit der Ausarbeitung der Ketzergesetze der Jahre 1528 und 1529 
beauftragt waren. Oder bestreitet mau auch diesen ein Urteil über 
das Wesen der „Sekte", mit deren Bekämpfung sie betraut waren? 
Da ist es nun merkwürdig, dass das Speierer Mandat vom 2H. April 
1520, das für die Entwicklung des religiösen und kirchlichen 
Lebens in Deutschland eine so grosse Bedeutung gewonnen hat, 
ganz im Gegensatz zu den damals bereits üblichen Wendungen 
der theologischen Streitschriften und zu den Meinungen, die auf 
dem Speierischen Reichstag laut geworden waren, die Sekte, gegen 
die es gerichtet ist, ausdrücklich als solche bezeichnet, die schon 
vor Jahrhunderten verdammt worden sei -'). 

Sehr merkwürdige Streiflichter fallen auf die Zusammenhänge, 
wenn man die Namen der Personen, die in die Ketzerprozesse 
des 15. Jahrhunderts verwickelt waren, mit den Familiennamen 
vergleicht, die in der Geschichte der sog. Täufer wiederkehren. 
Nach Ausweis der im Jahre 1881 veröffentlichten Akten der 
„Waldenser"- Prozesse zu Freiburg (in der Schweiz) wurden um 
UJ99 und 1480 u. A. folgende Personen vor Gericht gestellt: 
Stuckv, Xukomer, Unser, Bucher, Meyer, Studer, Troger, Rollet"). 

') Bart hol. de Usingen, Augustitiiani , Contra Rebaptizantes. Confu- 
latio coruin, quae Lutherus seripsit in Rebaptizantes. Coloniae apud Job. 
livmnium. MDXXIX. 8°. Bl. A. 2(1.0 heisst es: Quia autern hoc tempore 
de Pyeardismo exierunt, quo:- Anabaptistus vel Catabapt istas ab 
itcrata tinetione vocant, visum est mihi, instruetionem quandam catho- 
licaiu dare siniplieibiis etc. — Ein Exemplar befindet sich in d. Stadt-Bibl. 
zu Hainburg. 

7 ) Die Stelle doi- Mandats siehe bei Keller, Die Waldenser etc. 
18815, S. 

') Oehsenbein , Der Inquisitionsprozru.« gegen die Waldenser in 
I-Vibtirg, I SS I . 



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Die Anfänge der Reformation und die Kttzersehulon. 



Wie kommt es, dass dieselben Familien in die Täuferbewegnng 
des 1(>. und L7. Jahrhunderts verwickelt sind? 

Wie dem aueh sei, so «teilt fest, dass der neue Name 
»»Wiedertäufer" lediglich eine neue Entwicklungsperiode in der 
Geschichte einer sehr alten Bewegung l>e/eiehnet. Jede Religions- 
gemeinschaft hat solehc Entwicklungsperioden erlebt und, in der 
Geschichte aller Kirchen haben derartige „Neuerungen" tiefe 
Spuren zurückgelassen. Aber keine Religionsgemeinschaft kann 
und wird zugeben, dass solche Entwicklungsphasen die Kontinuität 
und die geschichtlichen Zusammenhange unterbrechen; jede wird 
sich trotz geschichtlichen Fortschreitens mit den älteren Epochen 
eins wissen und fühlen. 

Es ist sehr sonderbar: die römisch-katholische Kirche, die 
seit den Zeiten Konstantins ihr inneres Wesen völlig änderte, 
behauptet unentwegt, dass sie als Kirche mit der Zeit der Apostel 
in ununterbrochenem Zusammenhang stehe, und dass dieselbe. 
Kirche vor und nach jener Zeit bestanden habe. Hier wagt 
kaum Jemand /u widersprechen, obwohl die klaffenden Unter- 
schiede in Verfassung und Lehre mit Händen zu greifen sind 
und eigentlich von keiner Seite bestritten werden. 

Wenn aber die Brüdergemeinden des 16. Jahrhunderts ver- 
sichern, dass sie in ungelöstem Zusammenhang mit den älteren 
Brüdergemeinden ständen und die Übereinstimmung des Glaubens 
und der Verfassung deutlich auf der Hand liegt, auch kaum von 
Jemandem geleugnet wird, so sind dies Erfindungen, um „neue 
Sektierer mit einem hohen Alter zu schmücken". 

Wenn die Polemiker sich eingehender mit der Geschichte 
dieser ansserkirchlichen Christen beschäftigt hätten, so müsste 
ihnen die Thatsache aufgestossen sein, dass die Gemeinden, die 
man „Wiedertäufer" nannte, sich selbst mit denselben Namen 
nennen, die seit Jahrhunderten diejenigen „Ketzer" von sieh ge- 
brauchten, die man Waldenser, Pickarden, Spiritualen, Gruben- 
heimer u. s. w. nannte. Sie nannten sich, der alten Überlieferung 
getreu, Christen, Gemeinden Christi, christliche Ge- 
meinden oder einfach Gemeinden und gebrauchten unter sieh 
den Ausdruck Brüder, indem sie sieh je nach den Ländern, wo 
sie wohnten, als böhmische Brüder, Schweizer Brüder, 
lombardische Brüder u. s. w. von einander und von den be- 
stehenden Kirchen unterschieden. 



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Keller, 



Es zeugt von einer höchst oberflächlichen Kenntnis der Über- 
lieferungen, die innerhalb der alten Ketzer mit grosser Festig- 
keit und Klarheit lebten, wenn man meint, das« Grcbel, Denck, 
Hubmeier und Andere im Stande gewesen waren, ihrer angeblich 
neuen Gemeinschaft dieselben Namen zu geben, die die alten 
„Waldenser" unter sich gebrauchten, ohne das« mit den letzteren 
ernste Misshelligkeiten entstanden wären. Die neuen Brüder 
kamen zu einer Zeit auf, wo in Böhmen und Mähren, in Süd- 
frankreich wie in Picmout die alten Christengemeinden noch zahl- 
reich vorhanden waren; die Erhebung der „Schweizer Brüder" und 
selbst die öffentliche Einführung der Spättaufe (die jene nur teil- 
weise übten, wenn sie sie auch sämtlich für schriftgemäss hielten), 
fanden aber nicht nur keinen Widerspruch bei den ausserdeutschen 
Brüdern, sondern in Böhmen und Mähren fanden die verfolgten 
„Wiedertäufer" — man nannte sie dort „neue Waldenscrbrüder', 

— Aufnahme bei denselben Magnaten (ich erinnere an die Herren 
von Kaunitz, die Grafen von Zierotin und die Herren von 
Lichtenstein), die die Anhänger und Beschützer der „böhmischen 
Brüder" waren 1 ). 

Wir besitzen über die böhmischen Brüder und über die 
Verwandtschaft derselben mit den „Wiedertäufern" — der Name 
bezeichnete um 1530 die strengste Richtung des sog. Täufertums 

— das Urteil eines ausgezeichneten Kenners beider Religions- 
gemeinschaften, Sebastian Franc ks, und es ist wichtig, dass 
dieser die völlige Übereinstimmung der Strengeren unter ihnen 
betont ; auch innerhalb des Anabaptismus gab es damals andere 
Richtungen, die Franck ausdrücklich als „freie Täufer* 4 von den 
übrigen unterscheidet 2 ). 

') S. M.H. der CG. lSJi'i S. 257. — l T lrich v. Kaunitz, der im Jahre 
1511 vor dem Landrceht Ixdangt wurde, weil er in seiner Stadt Austerlitz 
„Waldenser" oder „Pickarden" aufgenommen hatte, machte sieh im Jahre 152!) 
zum Beschützer der „Wiedertäufer", die damals in dieselbe Stadt wanderten. 
Beck, Geschichtsbücher, S. 74. — Im Jahn? 154(5 fanden die „Wiedertäufer" 
Aufnahme seitens eines eifrigen „Pickarden", des Ritten? Hyneck Bilik von 
Kornie in Mähren. • Man betrachtete die „Schweizer Brüder" in Mähren 
als eine neue Spielart der „böhmischen Brüder", wie letztere deren manche 
unter sich hatten; thatsäehlieh erkannten sie sich anfänglich, trotz gelegent- 
licher Kämpfe, im weiteren Sinne gegenseitig als Brüder an. 

*) Seb. Franck schildert in seiner Chronik {Ausgabe v. 1505 fol. lf>8). 
die vor dem Jahre 15:{1 niedergeschrieben ist, die Ix'thmfrchen Brüder also; 



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Di«' Anfänge der Reformation und dir Kctzerschulen. 



57 



In ganz anderem und viel entschiedenerem Sinne, als z. B. 
die Lutheraner und die Refornrirten, fühlten sich um das Jahr 
1525 die altevangelischen Gemeinden aller Lander als Glieder 
einer Religionsgemeinschaft Sie besassen überall, wo sie Ge- 
ineinden bildeten (gleichviel ob diese innerhalb des Verbandes 
der römischen Kirche heimlich existirten oder ob sie sich von 
dieser öffentlich losgelöst hatten), Bischöfe und Apostel, die 
ihre „Sendung" durch die Handauflegung anderer Brüder erhalten 
hatten. Sie waren überzeugt, dass diese Bischöfe die Gewalt 
des Amtes in regelmässiger Weise erhalten hätten und dass sie 
dadurch mit den älteren und ältesten Gemeinden in rechtmässiger 
Verbindung geblieben seien. 

Die rechtsgültige Konstituirung der Gemeinde, nicht 
irgend eine Ivehre oder Ceremonie, war damals wie früher für die 
Brüder in allen Ländern das wesentliche Kennzeichen, woran sie 
sich als Glieder derselben Gemeinschaft erkannten. Man hat 
auffallenderweise bisher meist übersehen, in wie hohem Grade 
der rechtmässige Besitz der „Sendung" und der „Handauflegung" 
die Gemüter auch bei denjenigen Brüdern beschäftigte, die um 
1525 die Spättaufe einführten. Sie waren noch um 1530 und 
später, ebenso wie die Brüder in Böhmen, die sich um 1467 die 
Amtsgewalt von dem Waldenser- Bisehof Stephan in Osterreich 
holten, davon überzeugt, dass ohne die „Sendung" ihre eigne Ge- 
meinschaft keine rechtsbeständige Kraft besitze 1 ). 

Wir sprachen hier von den Verhältnissen, wie sie zu Be- 
ginn des schweren Ringens um die Taufe in den altevangelischen 



„Die Picarder, von Valdo also verleitet, sind in Böhern ein sonder christlich 
Volk und Scct der Christen. Diese fuhren sehr einen christlichen, unge- 
färbten Wandel, rufen kein Heiligen oder Creatur an, aber allein Gott, 
schweren nicht aller Ding, achtens einem Christen für unziemlich. Haben 
aller Ding kein Bild, neigen sich nicht gegen ihnen, beten es auch nicht an. 
(ieben für, man soll das Öaerament nicht anbeten, sonder Christum zur 
Rechten »eines Vater» und Gott im Geist und Wahrheit. Sie leiden kein 
Bettler unter ihnen, helfen und rathen einander brüderlich. Doch sind sie 
in zween, oder als Etliche wollen, in drei Haufen getheilt, in den grossen, 
kleinen und gar kleinen, die halten es aller Ding mit den Wieder- 
täufern, haben alle Ding gemein, taufen kein Kind, halten nicht von den 
Herrn Leib im Sacramcnt . . . Ihrer sind allzeit auf das wenigst ob achtzig 
Tausend." 

') Die Beweise bei Ki ller, .loh. v. Staupitz, S. 2'A ff. 



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»8 



Keller, 



Gemeinden bestanden. Denn es ist zuzugeben, dass sieh unter 
den Eindrücken dieser Kämpfe Verschiebungen uud Trübungen 
der alten Cberlieferungeu vollzogen. 

Es ist unbestritten, dass die Glaubenslehre und die Über- 
zeugungen, wie sie Luther seit 1525 vertrat, und wie er sie in 
seiner, der lutherischen Kirche, zu rechtlicher Anerkennung brachte, 
erheblich abwichen von den Anschauungen, die er seit 1517 im 
Ansehluss au Tauler und die deutsche Mystik hegte. Gleichwohl 
ist es allgemein üblich und begegnet keinerlei Einwendungen, 
wenn man die Geschichte der lutherischen Religion und Kirche 
schon mit dem Jahre 1517 beginnt. Man findet die Kontinuität 
der Entwicklung in der Person Luthers hinreichend gewahrt. 

Ebenso ist es unbestreitbar, dass die Führer der altevange- 
lischen Geineinden die Anschauungen und I berzeugungen, die 
wir bei ihnen seit mindestens 1522 nachweisen können, nach dem 
Jahre 1525 nicht wesentlich oder grundsatzlich geändert haben. 
Wenn man aber die Kontinuität der „Christen -Gemeinden", die 
um 1522 und früher bestanden, mit denjenigen, die nach 1525 
existierten, unter Hinweis auf die Gleichheit aller wesentlichen 
Glaubenslehren (die Form der Taufe gehörte zu den wesent- 
lichen Eigentümlichkeiten dieser Gemeinden eben nicht) als 
bewiesen erachtet, so wird das für „unwissenschaftlich" erklärt. 
Dass auch hier der Zusammenhang schon durch die Personen der 
Führer hinreichend gewahrt erscheint, wird bestritten. 

Es wäre nicht schwer, zu den Beweisen für die Zusammen- 
hänge, die wir hier und in den mehrfach erwähnten Schriften •) 
gesammelt haben, noch weitere beizubringen. 

Aber für diejenigen, die sehen wollen, bedarf es solcher 
nicht und die, die nicht sehen wollen, werden sich auch durch 
weitere Gründe und Thatsachen nicht belehren lassen und unbe- 
irrt die alte Hypothese weiter vortragen, wonach alle Überein- 
stimmungen und Ähnlichkeiten, die doch nun einmal nicht hin- 
wegzuleugnen sind, lediglieh davon herrühren, dass sowohl die 
„Waldenser" wie die „Wiedertäufer" bibelglänbige „Sektierer" waren, 

') Keller, Die Reformation: Dere., Joh. von Staupitz; Der*., Die 
Waldenser u. die deutschen Bibelübersetzungen ISSfl; Hers., Zur Cie;M lmht(* 
der altevangeliachen (remeindrn. Berlin 1S87. 



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Die Anfänge der Reformation und die Ketzersebule». 



die in Folge der gleichen Lektüre zu den gleichen Einrichtungen 
und Glaubenslehren gekommen sind und kommen mussten. 

So bequem diene Annahme ist, so unhaltbar ist sie. Wenn 
es bewiesen wäre, dass Männer, die sicli den engen Anschluss an 
die Vorschriften der Bibel zum Gesetz machen, zu den gleichen 
oder nahezu gleichen Ergebnissen bezüglich ihres Inhalts zu 
kommen pflegten, so könnte ja mit einigem Recht ein derartiger 
Erklärungsversuch gemacht werden. Ist es nicht aber vielmehr 
beweisbar, das« Männer, welche unabhängig von einander die 
Bibel studiereu, fasst jedesmal zu abweichenden Ergebnissen in 
vielen und wichtigen Punkten kommen'.' Hat sich nicht auch 
Luther den gewissenhaften Ansehluss an die h. Schriften zur ober- 
sten Richtschnur gemacht und ist er nicht gleichwohl zu anderen 
Uberzeugungen gekommen wie die „Wiedertäufer"? Und be- 
haupten nicht alle neueren Sekten, die seit hundert Jahren auf 
evangelischem Boden erwachsen sind — ich erinnere z. B. an die 
apostolische Kirche der Irvingianer — , dass sie ebenfalls ihre 
Verfassung und Lehre auf dem Grund der Bibel und nur auf 
Grund der Bibel aufgebaut haben? Und stimmt etwa die eine 
dieser Sekten mit der andern uberein? 

Aber wir wollen einräumen, so erfahruugswidrig es ist, dass 
die Übereinstimmung zwischen jenen Ketzcrschulcn, die bis vor 
1517 unter dem Namen „Waldenser" verfolgt wurden und denen 
seit 152."i das gleiche Loos unter dem Namen „Wiedertäufer" 
zuteil ward, auf der Benutzung der gleichen Glaubensquelle beruht. 
Dann bleibt aber noch immer die Thatsache übrig, dass zwischen 
beiden , angeblich von einander unabhängigen Religionsgemein- 
schaften auch in solchen Dingen Ubereinstimmung besteht, 
von denen in den h. Schriften mit keinem Buchstaben 
die Rede ist. E>s ist sehr bequem, diese Thatsache totzuschwei- 
gen, aber damit ist sie doch noch nicht aus der Welt geschafft. 
Ks sind einige sehr wichtige und viele andere sehr äusserliche 
Punkte, die hier in Betracht kommen und sie finden sich in so 
grosser Zahl, dass sie sich jedem aufdrängen, der nur einiger- 
massen sehen will. Die eigentümliche Stellung, die sowohl die 
„Wuldenser" wie die „Wiedertäufer" zum alten Testament, beson- 
dere zu den historischen Schriften desselben einnehmen M, kann 



') S. dartiher Keller, Staiipitz etc. 8. 1 ■ H . H>J. HMi. H4-\ 



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HO 



Koller, 



doch nicht wohl aus Vorschriften der Bibel selbst abgeleitet 
werden. Die Thatsache, dass in den Waldenserbibeln, und zwar 
nur in dieseu, der Brief des Paulus an die Laodieäer erscheint 
und dass die Tauferbibeln des IG. Jahrhunderts denselben Brief 
enthalten, kann doch nicht zufällig sein. Die Stellung zur Todes- 
strafe in beiden Gemeinschaften, zur Frage der Friedhöfe, gewisse 
kultische Formen des Gebets, des Abendmahls, Grundsätze beim 
Kirchenbau, die graue Tracht der Apostel und Wanderprediger, 
vielfach gleiche, sehr sonderbare Kunstausdrückc in kirchlichen 
Dingen J ) — wo sind für alle diese Dinge die Stellen der Bibel 
zu finden, aus denen sie entnommen sein könnten? 

Indessen, dem sei wie ihm wolle, es muss und soll eben 
hier eine „neue Sekte" vorhanden sein. Die Bestreitung dieser 
„längst anerkannten Thatsache" entspringt angeblich einer „un- 
kritischen Methode" und beweist eine parteiische Stellungnahme 
zu Gunsten der „Sekten". Dass es unratsam ist, Ansichten, deren 
Bestreitung den Verdacht mangelnder Rechtgläubigkeit erweckt, 
von sich zu geben, hat in sehr naiver Weise schon G. C. Rieger 
in seinem bekannten „Saltzbund" (1732) ausgesprochen: „Ich be- 
kenne meine Schwachheit aufrichtig, dass ich mich nicht habe 
überwinden können, die ... . Spuren des Altertums von einer 
Kirche, die die apostolische Wahrheit rein beibehalten hat . . . 
hinwegzulassen und aus Furcht der Chikanerien des Gegen- 
teils gleichsam zu verstecken". 

Obwohl so ausgezeichnete Kenner der Ketzergeschichte des 
Mittelalters und des Anabaptismus wie J. C. Füsslin und J. L. 
Mosheim 2 ), von denen wohl keiner des Mangels an Methode 
und kritischer Schulung verdächtig sein dürfte, die Richtigkeit 

') Nähen* hierüber bei Ei n 8t Möller, Gesch. der Bernischen Täufer. 
Fraucnfcld. J. Huber, 18«»5. 8. 150 ff. und bei Keller , Staupitz 8. 250. 
Merkwürdig ist auch die Übereinstimmung in den Formen des Tischgebetes 
bei „Waldensern" und „Täufern"; s. Halbertsm a, De Doopsgez. en hunne 
herkomst Devcntcr 1843. 

s ) J. L. Mosheim mhivibt in den Institut. Hist. Eccles. Libri IV. 
Heimst. 1755 p. 701: Non prorsus mentiri puto Mcnnonitas, qui ab Ulis, 
ijui testes veritati* ante Lutherum vocari solent, Waldensibus, Petrobursianis 
et aliis se descendere gloriantur. Latebant ante Lutheri actatem per uni- 
versam fere Europam, maxime inter Bohemos, Heivetos et Germanos plurimi, 
quorum animis alte infixum erat praceeptuin illud, quod Waldensci*. Wicle- 
fitae et Hussitae, alii ohscurius, alii t larius, defenderant etc. 



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Die Anfänge der Reformation und die Ketzerschulen. 



«1 



der von uns vertretenen Auffassung nicht nur behauptet, sondern 
mit Gründen dargethan haben, so ist es doch noch heute nicht 
gelungen, in den Kreisen derjenigen Theologen und Historiker, die 
«ich zu den zünftigen Gelehrten im engeren Sinne zählen, den 
Glauben an die Erfindungen der Streittheologie des 16. und 
17. Jahrhunderts zu erschüttern 1 ). 

Was so tief eingewurzelt ist und mit kirchlichen Gesichts- 
punkten so eng zusammenhängt, lässt sich ja auch nicht so rasch 
beseitigen. Indessen ist es doch erfreulich, dass die Zahl der 
Forscher, die sich in dieser Sache auf unsere Seite stellt, in 
erfreulicher Zunahme begriffen ist*) und es ist ganz richtig, was 
neuerdings behauptet worden ist: die hier vertretenen Auf- 
fassungen greifen um sich und beginnen Schule zu 
machen. 



') Noch ganz neuerdings ist an zwei Stellen, nämlich im ersten Bande 
der dritten Auflage der „Realencyklopädic für protest. Theologie u. Kirche" 
iLpz. 1896) 8. 483 von Uhlhorn und in den „Göttinger Gel. Anzeigen" 
189»; S. 549 von Losei th ausdrücklich behauptet worden, dass „die Tauf- 
gesinnten nicht die Nachfolger der alten Waldesier sind". 
Beweise sind freilich weder an dem einen noch an dem anderen Orte bei- 
gebracht worden. Ähnlich spricht sich Bossert aus (Theol. Litt.-Zeitung 
1H96 nr. 4 Sp. 105 ff.). 

*) A. Nicoladoni, Johannes Bünderlin von Linz und die oberöster- 
reichischen Täufergemeinden in den Jahren 1525—1531. Berlin. R. Gärtnere 
Verlag 1893. — Ernst Müller, Gesch. der Bernischen Täufer. Nach den 
Urkunden dargestellt, Frauenfeld, Huber 1895. 



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